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Samstag, 21. September 2013

Was eigentlich zur Wahl steht

Morgen ist Bundestagswahl und ich möchte hiermit eine Last-Minute-Wahlempfehlung geben. Dabei werde ich auf den Punkt eingehen, der meiner Meinung nach neben der Eurokrise die dringlichste Aufgabe der nächsten Bundesregierung ist und gleichzeitig die geringste Rolle im Wahlkampf gespielt hat. Das ist die Verhinderung katastrophalen Klimawandels.

Das Problem ist: Es ist gerade Crunchtime und wenn die Menschheit in den nächsten fünf Jahren, also der nächsten deutschen Legislaturperiode nicht die Kurve kriegt, dann ist die Welt 2050 nicht mehr so wie wir sie kennen. Die Lösung des Problems ist schwierig und die aktuelle Regierung hat alles in ihrer Macht stehende getan, um das noch zu erschweren. Wer einen Wandel des Klimas anstrebt, sollte also CDU oder FDP wählen.

Dagegen gibt es genau eine Partei, die in ihrem Wahlprogramm wirklich wesentliche Punkte zur Behebung des Problems hat und als sie an der Regierung war, wesentliche Schritte zur Lösung durchgeführt hat, die überhaupt dazu geführt haben, dass die Menschheit noch eine Chance hat, den Klimawandel in den Griff zu kriegen. Das sind die Grünen, die über das Erneuerbare-Energien-Gesetz die Kosten für Solarpanele weltweit massiv gedrückt haben und die erheblichen Anteil an der Einführung des EU-Emissions-Zertifikate-Handels hatten.

Also was ist das Problem? Macht die westliche Welt nicht eh schon so viel und hat Grenzwerte eingeführt, erneuerbare Energien gefördert und so weiter? Ja, schon, nur ist davon global nichts zu spüren.
Globaler CO2-Ausstoss und Industrialisierug:
Jedes Jahr wächste der globale Ausstoss um 1%;
Bild: Mak Thorpe, CC-by-SA 3.0; Daten: Hier.
Die globalen Emissionen steigen jedes Jahr um 2%, also exponentiell. Und das seit Beginn der Industrialisierung 1750. Obwohl die EU mittlerweile 6% weniger emittiert als 1990. Das Öl, das in der EU nicht mehr gebraucht wird, wird nun halt nach China geliefert. Und Produktion, die aufgrund der Globalisierung abgewandert ist, sieht gut aus in den Emissionszahlen der Ursprungsländer, dafür ist sie in den neuen Ländern ineffizienter und treibt den Klimawandel.

Beängstigend ist das ganze, weil die Menschheit, will sie das 2-Gradziel erreichen, bis 2050 nur noch etwa 500-600 Gigatonnen CO2 in die Luft blasen darf. Gut, wird sich mancher denken, dann sinds halt drei Grad, das ist dann auch egal. Schön wärs. Das Problem ist, dass ein Klima mit 3 Grad Erwärmung aller Wahrscheinlichkeit nicht stabil ist und Kreisläufe auslöst (Abschmelzen allen Poleises, Zusammenbruch des Golfstroms, Abtauen des Methans in Sibirien), die dazu führen, dass wir bis 2100 4-8 Grad Erwärmung haben. Und das ist die Apokalypse.

Schaut man sich nun die obige Kurve an, dann sind die bereits getätigten Emissionen die Fläche unter der Kurve. Sie addieren sich zu etwa 2000 Gigatonnen, also dem vierfachen von dem, was wir bis 2050 noch über haben. Je früher die Kurve wieder nach unten geht, desto einfacher wird es, je später, desto schwieriger. Realistisch gesehen muss die Trendwende in den nächsten 5 Jahren passieren, sonst ist es aus. Nächstes Jahr wird die Menschheit etwa so 13-15 Gigatonnen ausspucken von den 500-600, die wir noch dürfen. Es wird eng.

So, und damit kommen wir nun zu den wirklich schlechten Nachrichten. Es ist nämlich alles noch viel schlimmer. Die bekannten Vorräte an förderbaren fossilen Brennstoffen, also an Öl, Gas und Kohle sind gut für 2500 Gigatonnen Emissionen. Also fünfmal so viel, wie wir noch verbrennen dürfen. Das eigentliche Spiel ist also, in eine Lage kommen, das Zeug in der Erde zu lassen. Und da Kohle am wenigsten Energie pro CO2 bringt, ist es massiv gegen die eigenen Interessen, diese zu verbrennen. Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat es beispielsweise hinbekommen, die Energiewende so zu gestalten, dass mehr Kohle als vorher verbrannt wird. Dabei hat die CDU im Europaparlament eine wesentliche Rolle gespielt, als die das oben erwähnte EU-Zertifikate-Handels-Verfahren (EU-ETS) torpediert hat. Und sie ist für Fracking, obwohl es ja völliger Wahnsinn ist, die Menge der förderbaren Rohstoffe noch zu vergrössern. Sie torpediert schärfere Regulierung von Autobauern und ist gegen ein Tempolimit, obwohl diese Sachen die Emissionen weltweit beeinflussen. Die Autos werden weltweit schwerer gebaut als notwendig, damit sie in Deutschland bei Tempo 200 auf der Autobahn noch Bodenhaftung haben.

Die Grünen fordern den Ausstieg aus der Kohleenergie, die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und CO2-Emissionen durch Förderung erneuerbarer Energien und neuer Indikatoren neben Wirtschaftswachstum, Inflation und Arbeitslosenquote, die erfolgreiche Wirtschaftspolitik bewerten sollen. Sie sind gegen Fracking, sie wollen das EU-ETS wiederbeleben. Dieses global hinzubekommen, ist die aussichtsreichste Idee, es zu schaffen. Und sie haben im Gegensatz zu CDU, FPD und SPD die Eurokrise korrekt analysiert und könnten sie lösen. Was hat das hiermit zu tun? Ohne internationale Zusammenarbeit und Diplomatie gibt es keine Chance. Wer Europa politisch torpediert, der gefährdet eine internationale Einigung.

Aber ist meine Stimme für Grün denn nicht verschenkt? Letztlich ist die einzige Chance, eine Situation zu schaffen, in der eine Politikerin wie Merkel es für sinnvoll hält, den Klimawandel anzupacken und auch drastische Massnahmen nicht als politischen Selbstmord. Das geht zum Einen durch Verhaltensänderung (siehe etwa "Wie schlecht sind Schweine?"), so dass die Gesellschaft demonstriert, dass ein ausreichender Anteil der Leute etwas eh will. Das ist das, was beispielsweise beim 2. Atomausstieg oder der Abschaffung der Wehrpflicht passiert ist. Und zum Anderen durch starke Grüne im Bundestag.

Als Leseempfehlung einen Artikel von Bill MacKibben im Rolling Stones Magazine und für die, die eine detailliertere Analyse mit mehr Handlungsempfehlungen haben wollen, das Buch "The Burning Question" von Mike Berners-Lee und Duncan Clark.

Und sonst:
  • Gestatten, der Bobbit-Wurm
  • Wie viele Indianer lebten 1491? 10 oder 100 Millionen?
  • Wo speichert Google eigentlich das Internet und wieviel Festplatten brauchen sie dafür?

Freitag, 28. Oktober 2011

Professorengehälter steigen - Zum Glück!

Die Meldung hat es vor wenigen Wochen sogar zur ersten in der 20:00-Tagesschau geschafft: Das Bundesverfassungsgericht hat die derzeitige Besoldung von W2-Professoren für verfassungswiedrig erklärt, insbesondere ist sie zu gering. Die Kommentare in Onlineforen, die Berichterstattung und diverse Gespräche über die Jahre zeigen mir: Den meisten Leuten ist nicht klar, wie das mit der Professorenbesoldung so läuft oder sogar verschärft, was Professoren eigentlich tun. Also lohnt es, sich das Thema genauer anzuschauen.

Verhandlung des zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts, 1989,
Bundesarchiv, B 145 Bild-F080597-0004 / Reineke, Engelbert
CC-BY-SA-3.0-de, via Wikimedia Commons
Zunächst ist die Frage wie es sein kann, dass ein Professor eine Erhöhung der Bezüge vor Gericht einklagen kann. Das liegt daran, dass Professoren Beamte sind, weswegen sie auch keine Gehälter und Renten erhalten, sondern Bezüge und Pensionen. Damit einher gehen gewisse Einschränkungen der Rechte, insbesondere haben Beamte kein Streikrecht und damit keine Möglichkeit, eine Erhöhung ihres Einkommens durch Arbeitskampf durchzusetzen. Die Höhe der Bezüge von Beamten ist im Grundgesetz geregelt, weswegen das Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht landete. Eine normale Angestellte kann das also nicht.

Ein damit verwandter Punkt, der in vielen Kommentaren auftauchte ist, ob da jemand den Hals nicht vollkriegt und deswegen klagen muss. Es erinnert mich an den Fall von Hans Eichel, der kürzlich vor Gericht ging, um höhere Pensionsansprüche durchzusetzen und deswegen von vielen scharf kritisiert wurde. Meine Meinung dazu ist, dass weder Professoren noch Finanzminister unanständig viel verdienen und es kann ja auch nicht sein, dass ein hohes Gehalt zum Verlust des Rechts führt, Forderungen vor Gericht durchzusetzen zu können.

Worum geht es denn nun eigentlich? Hintergrund ist, dass deutsche Hochschulen in den letzten zehn Jahren in fast beispielloser Weise transformiert wurden, und zwar durch die Umstellung von Diplom auf Bachelor/Master und die Einführung der W-Besoldung. Diese löste fuer neu ausgeschriebene Stellen die C-Besoldung ab (W2/W3 statt C3/C4). Diese waren mit guten Bezügen ausgestattet, schon als C3 hatte man ein Auskommen, dass absolut ausreichte, um gut zu leben. Um sein Gehalt zu erhöhen, gab es im eine einzige Moeglichkeit, nämlich das erfolgreiche Bewerben auf Stellen an anderen Universitäten, was zu einer speziell geregelten Verhandlungsrunde mit der Ziel und der Heimuniversität führte.

Bei der W-Besoldung wurden die Bezüge in ein Grundgehalt und leistungsbezogene Boni unterteilt. Erklärtes Ziel war es, dabei keine Kürzung der Bezüge in Summe durchzuführen. Das Geld für die leistungsbezogenen Boni wurde also durch die Kürzung der Grundgehälter um 25% bereitgestellt. Und es ist dies, was letztlich zur Klage führte. Lassen wir erstmal die Boni beiseite und schauen uns nur das Grundgehalt an. Beim Kläger ergab sich ein Grundgehalt auf einer W2-Professur 2007 in Hessen von 4.000 Euro (diese sind seitdem leicht erhöht worden, in etwa Inflationsausgleich). Ich kenne seine familiären Verhältnisse nicht, aber als Single kommen dann fürs leicht rechnen 3.000 Euro netto raus, da Beamte weniger Abzüge als Angestellte haben. Davon geht noch die Krankenversicherung ab, wenn man das also als ein Angestellengehalt von 70.000 Brutto sieht, liegt man nicht ganz falsch.

Das ist ein gutes Gehalt, es liegt weit über dem Durchschnitt und ist damit für viele Menschen unerreichbar hoch. Vielleicht liegt hier ein Grund für das Unverständnis vieler bezüglich der Klage. Nun ist die Frage, was die Anforderungen an den Job sind, was für Leute man also mit diesem Gehalt locken will und welche Qualifikation gefordert wird. Die Qualifikation ist: Abgeschlossenes Hochschulstudium, Promotion, eine Habilitation oder äquivalente Leistungen oder anders gesagt der Nachweis, dass man auf einem bestimmten Gebiet eine absolute Expertin ist. Im Ergebnis liegt das durchschnittliche Berufungsalter bei 42.

Dazu kommt die Anforderung die an den Weg gestellt wird: Auslandserfahrung ist im wesentlichen ein muss. Nach der Promotion hat man in der Regel befristete Stellen und die Professur ist die erste Dauerstelle. Darüberhinaus zahlt man jeden Monat drauf: Die Einführung der W-Besoldung führte auch zu einer Kürzung der Gehälter im akademischen Mittelbau und so ist es nun nicht mehr unüblich, den Weg zur Professur als Angestellter auf TVL13 zu gehen, also etwa 50.000 Brutto (zu vergleichen mit einem promovierten Gruppenleiter und 5 Jahren Berufserfahrung irgendwo in der Industrie). Schliesslich ist da noch die Konkurrenz: Die Stellen sind begrenzt, wer also diesen Weg geht, geht ein hohes Risiko, denn es sind mehr Stellen im Mittelbau da als Professuren. Das bedeutet auch, dass eine 40-Stunden-Woche keine Option ist, denn damit schafft man den Sprung nicht, weil andere an einem vorbeiziehen. Als letzter Punkt ist noch anzumerken, dass man nicht an der Uni berufen werden kann, an der man gerade arbeitet, eine Professur impliziert also einen Wohnortwechsel. Dies ist für leitende Angestellte heutzutage natürlich nicht ungewöhnlich, sollte aber nicht unerwähnt bleiben und ist für die Frage, für welches Gehalt man umziehen will, nicht irrelevant.

Was sind denn nun die Anforderungen an den Job? Ein Professor ist ein leitender Angestellter, von dem erwartet wird, dass er Doktoranden anleitet (also Angestellte führt), Projekte selbstständig anleiert und durchführt, Spitzenforschung betreibt, sich ständig weiterbildet und gute Lehre macht. Stattliche Anforderungen und wenn man den Leuten nicht entsprechende Rahmenbedingungen bietet (Gehalt, Stellen, Ausrüstung), kann man nicht erwarten, Leute zu finden die diese erfüllen.

Wie sieht es nun mit den Boni aus? In der Praxis kriegen Professoren nennenswerte leistungsbezogene Zulagen. Der Verdacht liegt also auf der Hand, dass der Kläger einfach nicht gut genug ist, diese zu erhalten und deswegen vor Gericht zog (er bekam bei Klageerhebung 24 Euro Bonus). Nun, es gibt einen wesentlichen Unterschied zur freien Wirtschaft: Die Boni dort sind letztlich Mittel zum Zweck der Gewinnerhöhung und somit in der Theorie ein Gewinn für Arbeitgeber und Mitarbeiter. Dies ist bei Universitäten nicht der Fall: Gesetzt den Fall, dass alle Professoren die Zielvorgaben mit der Universität übererfüllen und alle Ansprüche an hohe Zulagen anmelden, kann die Präsidentin nur mit den Schultern zucken und sagen, dass das Finanzministerium von der Aussage, dass an ihrer Uni nur Rocker arbeiten würden, nicht überzeugt war und den Etat nicht erhöht hat. Und Drittmittel können eben nicht für Professorengehälter verwendet werden.

Im Ergebnis kneifen die Zulagen die Leute aus grundlagenorientierten und theoretischen Fächern, da die Unis häufig Zulagen über das Drittmittelvolumen vergeben. Und da hat man gegen Leute, die Millionen Drittmittel einwerben, weil ihr Equipment eben so teuer ist, keine Chance. Dies ist häufig auch die Trennlinie zwischen Professoren, die nennenswerte Nebeneinnahmen durch Gutachten und eine eigene Firma haben und denen, die neben dem Professorengehalt durch Vorträge und Bücher nur ein kleines Zubrot bekommen.

Hier sollen die Länder nun nachbessern und die Zulagen transparenter gestalten. Die Frage, ob das in einer Weise geschehen kann, die den Unis tatsächlich nutzt, sei dahingestellt.

Und sonst:

Dienstag, 22. Februar 2011

Schlimmer gehts immer

Meine Meinung zu Guttenberg hat Michael Spreng gut zusammengefasst: Wer in der Einleitung fremde Texte übernimmt und das ganze so formuliert, als wären es die eigenen Gedanken, der hat das mit dem wissenschaftlichen Arbeiten nicht verstanden, um es freundlich zu formulieren. Nicht, dass ich vorher von dem Mann wirklich begeistert war, aber für jemanden, über den Der Spiegel bereits titelte "Paarlauf ins Kanzleramt", ist das schon ein Hammer. Und, um mal in infamer Weise zu pauschalisieren: Die deutschen Politiker sind irgendwie nicht so prall.

Also Zeit, einen Blick auf amerikanische Politiker zu werfen. Obama im Fernsehen beim Reden zu sehen, löst bei mir immer ungeahnte devote Reflexe aus, fast möchte ich mich wie ein Hund auf den Rücken legen und "Regier mich!" winseln. Das Charisma dieses Mannes ist unfassbar und auch wenn er nicht der linke Heilsbringer ist, den manche sich erhofft haben, so ist seine Bilanz sehr stark. Aber noch nicht mal die Rettung der amerikanischen Autobauer mit 60 Milliarden Dollar in Darlehen, bei denen der Staat am Ende mit Gewinn rausgekommen ist, hat verhindern können, dass seine Partei bei den Midtermelections 2010 die Mehrheit im Repräsentantenhaus in einem Erdrutschsieg der Republikaner verloren hat und im Senat nur knapp verteidigen konnte.

Diese neue Generation von Abgeordneten ist nun seit einigen Wochen im Amt. Viele davon sind aus der Tea Party, keine eigene Partei, sondern eine Strömung innerhalb der Republikaner. Clever benannt nach der Boston Tea Party, einer berühmten politischen Aktion 1773 gegen die britischen Kolonialherren, besteht die Tea Party im wesentlichen aus weißen Leuten über 40, die plötzlich merken, dass das Land, in dem sie geglaubt haben, aufgewachsen zu sein, gar nicht existiert. Guckempfehlung: New Left Media, der Typ ist wirklich unglaublich. Stellt einfach Fragen.

Eine der Galeonsfiguren ist Sarah Palin, die Frau von der die Berater des Präsidentschaftskandidaten John McCain völlig schockiert waren, weil sie keine Ahnung von nichts hatte. Christlicher Fundamentalismus spielt auch eine große Rolle. Die Forderungen dieser Leute sind vielerlei, die Hauptforderung ist die nach weniger Staat, weniger Staatsausgaben. Egal, was es koste. Die Reform der Krankenversicherung (in gehässigem Tonfall Obamacare genannt) muss rückgängig gemacht werden. Abtreibung ist schlecht. Schwulenehe ist schlecht. Globale Erwärmung ist eine Verschwörung. Ölbohrungen sind per se gut. Illegale, kriminelle und kranke Ausländer sind schlecht. Und, die Verfassung muss wieder beachtet werden.

Bei den letzten beiden Punkten geht es vor allem um eins: Rassismus. Die Ähnlichkeit zu Slogans der NPD ist nicht zufällig. Illegale Einwanderer nehmen anderen die Jobs weg, liegen auf der Tasche, und fahren, man höre und staune, hochschwanger in die USA, um dort ihre Kinder zu kriegen, damit die dann die US-Staatsbürgerschaft erhalten. Was inhaltlich völliger Unsinn ist. Aber die Verfassung, die kann doch nicht rassistisch sein? Ist sie auch nicht. Dahinter steckt zum Einen der Unmut gegen die Krankenversicherungsreform, die angeblich verfassungswiedrig ist, zum anderen aber das mit dem Präsidenten. Schwarzenegger kann nicht Präsident werden, weil er nicht in den USA geboren wurde. Wie kann es dann sein, dass Obama Präsident wurde? Offensichtlicher Betrug, denn er hat ja seine Geburtsurkunde gefälscht. Diesen Schwachsinn glauben 50% der Wähler der Republikaner. Obama ist übrigens auch Moslem. Und kein guter Amerikaner, weil er nämlich angeblich nicht dem American Exceptionalism anhängt, also der Meinung, dass die USA einfach besser sind als der Rest der Welt. Was hat er gemacht? Er hat bei einem Besuch in Europa gesagt, dass er sich vorstellen könnte, dass die Griechen Griechenland besser finden als die USA und die Briten Großbrittanien besser finden als die USA. Was für die einen gute Manieren sind, ist für die amerikanische Rechte ein Skandal! Das hätte Bush so nie gesagt, pah!

Diese Spinner sind nun also nennenswert im "House". Und sie treiben den Rest des Establishments der Republikaner vor sich her nach Rechts. Klingt nicht so schlimm? Wir reden über die Partei von George W. Bush, die in dessen Amtszeit zwei Kriege, darunter einen völkerrechtswiedrigen angefangen hat, Deregulierung weitergetrieben und die Finanzkrise ausgelöst hat, Gefangene foltern und den START-Vertrag mit den Russen über die Kontrolle nuklearer Waffen auslaufen ließ, Umweltschutz- und Wissenschaftsfeindlich war, das Guantanamo-Lager errichtet hat, insgesamt eine Bande von korrupten Heuchlern. 

Die Forderung nach weniger Staatsausgaben ist derzeit brandaktuell: Die USA müssen neue Schulden aufnehmen, um ihre Rechnungen zu bezahlen, was erstmal nichts ungewöhnliches ist, allerdings bestimmen die beiden Kammern des Parlaments die maximale Kreditaufnahme. Diese ist nun erreicht und so müssen diese bis Ende März eine erhöhte Kreditaufnahme genehmigen, so die USA nicht in ernsten Schwierigkeiten stecken sollen. Im wesentlichen eine Formalie, aber das wird natürlich benutzt, um über den Haushalt zu debattieren. Obama, als jemand verschrien, der das Geld wie ein betrunkener Matrose auf Landgang ausgibt, will über die nächsten zehn Jahre 1 Billion Dollar sparen. Dabei schlägt er sowohl Streichungen bei der heiligen Kuh des Militärbudgets vor, als auch bei Programmen zur Linderung von Armut. Insgesamt wirklich harter Tobak. Die Einsparungen bedeuten im wesentlichen, dass die Neuaufnahme von Schulden gedeckelt würde. Das wiederum ist den Republikanern zu wenig, sie wollen Schulden abbauen, und Obama ist überhaupt Schuld, weil George W. Bush die Schulden in schwindelerregende Höhen getrieben hat. Klingt blöd, ist es auch. Bemerkenswert bei der ganzen Sache ist, dass Steuererhöhungen in der Diskussion keine Rolle spielen, es geht nur um die Frage, wo man spart und wieviel.

Die Jungs und Mädels von der Tea Party gefallen sich also derzeit mit den anderen Republikanern darin und haben am Freitag eine erste Tranche von Einsparungen von 60 Millarden Dollar verabschiedet. Ein Vorschlag, der im Senat nicht angenommen wird und wenn doch, einem Veto des Präsidenten erliegen wird. Dabei gehen sie mit dem Holzhammer vor, also es wird gekürzt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Naja, bis auf das Militärbudget. Bekämen sie ihren Willen, wären zehntausende Jobs in Gefahr, wenns schlecht läuft, würden die USA in eine erneute Rezession gehen. Sagt zumindest Paul Krugman.

Insofern: Gutti hat quasi zugegeben, geschwindelt zu haben. Also alles supi in deutsche Land!

 Ansonsten:

Sonntag, 6. Februar 2011

Von den USA nichts lernen heißt, die eigenen Unis zu verhunzen

Mein Team hat den Superbowl gewonnen (zwei Minuten nach Anpfiff habe ich mich auf die Green Bay Packers in den grünen Trickots festgelegt, was sonst) und es ist warm in Kalifornien, vor dem Ingenieursgebäude sonnen sich Studentinnen (können nicht meine sein, wenn die so viel Muße haben). Zeit sich wieder ernsteren Themen zuzuwenden. Und ich dachte mir, ich werfe mal einen Blick auf das amerikanische Bildungssystem. Wie leider weniger Leute wissen, als der Bedeutung des Umstandes angemessen wäre, sind deutsche Universitäten derzeit und in den letzten zehn Jahren einem Umbruch unterworfen, der in seinem Umfang historisch wenige Vergleiche kennt. Bachelor/Master- ersetzen die alten Diplomstudiengänge. Die Besoldung der Professoren wurde auf die leistungsbezogenen W-Professuren umgestellt. Die Exzellenzinitiative zielt darauf ab, eine Trennung in Lehr- und Forschungsuniversitäten einzuführen.

Vorbild vieler dieser Reformschritte sind immer wieder die USA. Grund ist, dass jedes internationale Hochschulranking (Beispiel) immer wieder dasselbe zeigt: Die USA haben die besten Unis. Cambridge und Oxford melden sich ab und an in den TOP 10, im wesentlichen aber dominieren amerikanische (Privat-)Unis die TOP 50. Alle meine Erfahrungen bestätigen das: Forscher aus der Weltspitze gibt es auch in Deutschland oder Tschechien, und zwar nicht wenige. Aber eine Konzentration wie in den USA wird über mehrere Fachbereiche hinweg nirgendswo erreicht.

Entsprechend findet sich zu allen Reformvorhaben ein Vorbild in den USA. Bachelor/Master ist hier eben das, die Juniorprofessur ist der Assistant Professor, die leistungsbezogene Mittelvergabe an Professoren gibt es auch und die Exzellenzinitiative soll Eliteunis erzeugen. Reine Forschungsunis gibts hier zwar nicht, aber Lehrunis, das sind die Football-Klitschen in Kansas City und anderen Metropolen von denen noch nie jemand gehört hat. 

Also alles Topcheckerbunnies, die deutschen Bildungspolitiker? Mich persönlich hat das ja schon immer gewundert, dass ich auch nach fünfzehn Jahren an verschiedensten Unis verschiedener Länder immer noch nicht mühelos erkennen kann, ob ein anderer Mathematiker gute Forschung macht. Für Bildungspolitiker kein Problem. Die sind eben einfach gut.

Schauen wir uns also mal die USA an. Zunächst einmal gibt es die Undergraduate Studies, das ist alles bis zum ersten Abschluss, dem Bachelor. Die lasse ich jetzt mal weg und konzentriere mich auf die weiteren Teile, die graduate Studies. Nach dem Bachelor machen die Leute weiter, die eine forschungsorientierte Ausbildung suchen, typischerweise den PhD, also den amerikanischen Doktor. Der Masterabschluss fällt dabei zwischendrin ab und ist eher so etwas wie ein Notausgang. Die internationale Reputation der Unis wird im wesentlichen aus diesen Programmen generiert. Die Teilnehmer bewerben sich dort, weil der Ruf gut ist, die Uni sucht sich die besten aus, wer zahlen kann, zahlt gutes Geld, wer nicht, wird versorgt. Sie werden dann von Topleuten an die Forschung herangeführt, machen die Forschung, die sich dann im Ranking niederschlängt und so weiter.

Als ich einen HiWi für meine Vorlesung suchte, bewarben sich drei Leute. Ein Chinese, ein Inder und ein Iraner. Die Professoren mit denen ich hier viel Kontakt habe kommen aus England, Neuseeland und den Niederlanden. Jahuch? Keine Amerikaner? Nein, auf dem Campus sieht man grob ein Dritter Chinesen, ein Drittel Inder, ein Drittel Rest. Unter diesem Rest sind vor allem Amerikaner, aber ansonsten ein bunte Mischung (viele Deutsche übrigens, aus den Zeiten von vor Bachelor/Master). Sprich: Die wohlhabenden Eltern von Kindern aus aller Welt finanzieren diesen die Ausbildung an einer amerikanischen Eliteuni, wo sie dann von Professoren aus aller Herren Länder ausgebildet werden. Sicher liegt das auch daran, dass Stanford ein Mekka der Ingenieurswissenschaften ist und derartige Berufe in Schwellenländern sehr gut angesehen sind. Wesentlich anders sieht es aber in Harvard oder Yale nicht aus. Sprich: Der berechtigte exzellente Ruf amerikanischer Unis wäre ohne Ausländer nicht exzellent.

Was sind denn nun eigentlich die Faktoren, die eine amerikanische Eliteuni so erfolgreich machen? Es fängt mit dem Ruf an. Der gute Ruf zieht gute Studenten an. Mit guten Studenten kann man gute Forschung machen. Am Besten trifft man eine Auswahl, welche Studenten man zulässt, dann muss man sich nicht mit den schlechten Studis rumschlagen. Das alles verbessert den Ruf. Damit man diesen Kreislauf aufrecht erhalten kann, braucht man gute Professoren. Wie kriegt man die? Richtig, mit gutem Ruf, aber vor allem mit Geld. Das bedeutet: gutes Gehalt, gute Arbeitsbedingungen, wenig Bürokratiemist. Gute Arbeitsbedingungen bedeutet ein großes Bibliotheksbudget, Reisemittel, Labore, etc. Also: Viel Geld.

Vergleicht man das mit Deutschland, muss man aufpassen, was man vergleicht. Die Uni Kassel ist nämlich besser als jede Football-Klitsche hier, aber eben schlechter als jede Elite-Uni. Im Vergleich zu diesen stellt man fest, dass der Ruf deutscher Universitäten nicht schlecht ist. Nur, die Unis sind nicht international aufgestellt, genauso wenig wie sich die Ausländerämter als Orte begreifen, bei denen es darum geht, die Zuwanderung dringend benötigter kluger Köpfe aus dem Ausland nach Deutschland zu regeln. Inder, Chinesen an deutschen Unis? Eine winzige Minderheit. Kampf um die besten Talente der Welt? Ja neh, ist klar.

Wie siehts mit dem Geld aus? Yale, arg gebeutelt von der Finanzkrise, muss sein Budget für 2011 um 150 Millionen Dollar kürzen. Aber von welchem Niveau? In den letzten zehn Jahren haben sie etwa 3 Milliarden Dollar in Infrastruktur investiert. Das Jahresbudget selber bewegt sich etwas darunter. Kassel als mittelgroße Uni hat ein Budget von deutlich unter 200 Millionen Euro. Yale kürzt also derzeit mal eben die Uni Kassel weg. Die deutschen Unis sind kaputt gespart, Dauerstellen im Mittelbau gibt es quasi nicht mehr. Die Gehälter deutscher Professoren sind im Vergleich geringer. Deutsche Professoren müssen einen Großteil der Verwaltung selbst machen. Sekretärinnen müssen, um hilfreich zu sein, komplexe Büroabläufe koordinieren. In Deutschland werden sie bezahlt, als ob Schreibmaschinen tippen die einzig notwendig Qualifikation sei und sind entsprechend nur im Glücksfall gut. An einer US-Eliteuni ....

Also schauen wir uns mal an, welche dieser Unterschiede durch die USA-orientierten Reformen angegangen wurden. Die starke internationale Marke Diplom wurde abgeschafft und durch Titel ersetzt, die nirgendwo irgendwen vom Hocker hauen. Das lockt sicher mehr kluge Köpfe nach Deutschland. Die neue leistungsbezogene W-Besoldung für Professoren ist faktisch die einzige mir bekannte Gehaltskürzung im öffentlichen Dienst mit einem Grundgehalt unterhalb das Niveaus von Gymnasiallehrern. Das wird sicher dafür sorgen, dass mehr kompetente Leute diesen Beruf ergreifen wollen. Die Juniorprofessur ist hier in der Regel ohne Tenur Track, also ohne Aussicht auf Dauerstelle, was die guten Leute in den USA mit einem müden Lächeln ablehnen. Die Exzellenzinitiative. Die interessierten Unis wurden für die Jagd nach etwa 100 Millionen (Peanuts in Yale) für ein paar Monate lahm gelegt, und zwar mit, genau, Bürokratie.

Mit falschen Rezepten wird hier also in meinen Augen massiver Schaden angerichtet. Das ist nun einfach gesagt, denn das wesentliche Element der Lösung, nämlich das Geld, liegt ja nicht auf der Straße. Es wäre aber zum einen möglich gewesen, die Situation nicht zu verschlimmern, wie etwa durch die W-Besoldung oder Bachelor/Master. Zum anderen ist eine Reform des Ausländerrecht auch so möglich. Und schließlich ist es ja nicht so, dass es neben dicken Brocken wie der Föderalismusreform keine Rezepte gäbe, die finanzielle Situation der Hochschulen zu verbessern. Warum nicht das Alumniwesen in Deutschland unterstützen und es einfacher machen, einer deutschen Universität etwas zurückzugeben?

Nun denn, genug gejammert, zur Belohnung für bis hier durchhalten ein paar Schnipsel:

Samstag, 29. Januar 2011

Walk like an egyptian

Demonstration in Kairo, Ramy Raoof, CC-by 2.0
Während ich letzte Woche noch überlegt habe, über was ich denn meinen nächsten Blogpost schreibe (Essen in den USA? American Exceptionalism? Warum die Physiker falsch liegen?) und feststellte, dass ich von Tunesien keine Ahnung habe, haben mich die Ereignisse der letzten Tage ziemlich von den Socken gehauen. Es ist also Aufstand in Ägypten. Von Ägypten habe ich nun auch keine Ahnung, aber da war ich schonmal. Und zwar ist es in Afrika, aber im Gegensatz zum großen Teil des schwarzen Kontinents, deren plötzliches Verschwinden in einem Wurmloch der durchschnittliche Westeuropäer nur daran merken würde, dass die Länder nicht mehr an der Fußball-WM teilnehmen, ist Ägypten als kulturelle und ökonomische Hochburg der arabischen Staaten irgendwie eine andere Nummer. 

Insofern folgt jetzt, statt eines fundierten Beitrages zu Mathematik, munteres Dillettieren über Ägypten im Besonderen, ganz im Stile der Wikipediabeiträge zur islamischen Welt im Allgemeinen.

Ich war 2008 zur WikiMania in Ägypten, genauer gesagt kurz in Kairo und einige Tage im Zentrum von Alexandria. Die wenigen Eindrücke waren extremst wiedersprüchlich. Der große koptische Stadtteil mitten in Kairo. Junge hübsche Musliminnen in körperbetonter Kleidung, die aber die gesamte Haut bis auf das Gesicht verdeckt. An jeder großen Straßenkreuzung Polizisten in Gefechtsständen mit Maschinenpistolen, an jeder zweiten kleinen Straßenkreuzung Polizisten, sich langweilend auf Klappstühlen unterm Sonnenschirm. Der Leiter der Bibliothek von Alexandria, der in seinem Vortrag die Regierung kritisiert. Ein Esel, der an seinem Karren tot zusammenbricht. Reiche westliche Touristen.

Als ich mich danach etwas schlau machte, erfuhr ich, dass im Polizeistaat Ägypten Meinungsfreiheit herrscht, so lange man nicht Allah schmäht oder die Macht der Präsidenten selbst angreift. Es gibt also eine rege Diskussionskultur und in Kairo ist die Al-Azhar-Universität, mit einer der angesehensten islamischen Rechtsschulen der Welt, deren relativ liberale Fatwas in der islamischen Welt große Beachtung finden. Auf der Konferenz hielt die Bildungsministerin einen Vortrag, in dem sie die großen Anstrengungen der ägyptischen Regierung vorstellte, um für die extrem junge Bevölkerung Schulen bereitzustellen. Keine kriegslüsterne Regierung (mehr). Wirkte also alles nicht so wild.

Falsch gedacht. Ist halt nur alles nicht so wild, wenn man da nicht leben muss und es mit anderen schlimmeren Diktaturen vergleicht. Die Analphabetenrate ist mit um die 40% bei über 14-jährigen eine der höchsten in der in dieser Hinsicht nicht ruhmreichen arabischen Welt. Hohe Jugendarbeitslosigkeit, Korruption, riesige Kluft zwischen Arm und Reich.

Die bemerkenswerteste Meldung unter all diesen bemerkenswerten Nachrichten der letzten Tage ist für mich ganz klar die von der Abschaltung des Internets und der Handynetze. Zum Einen ist es eine extreme Reaktion, denn ein Handy haben 75%, da die Verlegung von Telephonkabeln stark zu wünschen übrig lässt. Einem Land das Telephon abzustellen, starke Nummer. So bringt man vermutlich schnell auch die moderaten Leute gegen sich auf. Zum anderen ging das ja ziemlich kurzfristig. Die Regierung muss also schon seit längerem Angst vor dem Internet haben und sich für den Notfall vorbereitet haben.

Diese Angst erinnert mich an meinen Supernerdvetter Andrew, der das Internet zwar nicht erfunden hat, aber so ähnlich und, wenn man ihn ließe, das ganze deutlich anders machen würde. Er hat das Internet meiner Großmutter als etwas dargestellt, über das alle Menschen miteinander einfach kommunizieren könnten, was dann zu Weltfrieden führt. Ich nehme an, dass er ihr nicht erklären wollte, was ein Hypertextprotokoll ist und deswegen nach etwas suchte, die sie auch verstehen und gut heißen würde. Vielleicht wäre das Protokoll besser gewesen, sie fand das ganze nämlich absurd. Aber: Irgendwo hatte er Recht. Die Formel Bildung+Wohlstand=Frieden scheint im großen und ganzen zu stimmen und das Internet hat sich als enorm wichtig für Bildung und Wohlstand herausgestellt. Nicht, dass der Grund für den Protest irgendeines Ägypters im Internet zu finden ist. Aber Diktatur und ein nicht vollzensiertes Internet wie in China oder Burma vertragen sich anscheinend nicht. Wichtige Argumente gegen eine Internetzensur, auch in Deutschland.

Als Schlusspunkt meine völlig unfundierte Zukunftsprognose: Ich denke, dass ein wesentlicher Punkt in Ägypten und Tunesien der Mangel an verwertbarem Öl ist, so dass die Entmündigung der Bürger in der Hinsicht dort nicht gegeben ist, dass die Regierungen in den ölreichen Ländern nicht auf Steuern angewiesen sind. Also kein Dominoeffekt. Passend dazu diese Nachricht aus Kuwait. Alles gute zum Jahrestag!

Donnerstag, 13. Januar 2011

Lasst uns doch mal shoppen gehen

Auf meinem Flug in die USA Mitte Dezember blätterte ich in der New York Times und las diese AP-Meldung. Das Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives will also, dass das weiße Haus eine Regelung auf den Weg bringt, nach der der Verkauf mehrerer Sturmgewehre an dieselbe Person innerhalb von fünf Tagen in Grenzregionen gemeldet werden soll. Eine AK-47 ist OK, auch fünf, wenn sie vorrätig sind, nur soll das dann halt in Zukunft gemeldet werden. Der Vorstoß zielt explizit auf Arizona ab, der Staat mit den schwächsten Waffengesetzen der USA. Der Kauf von Sturmgewehren ist dort erstens legal und zweitens nicht genehmigungspflichtig. Deswegen befinden sich zahlreiche Waffenläden in geringer Nähe zur mexikanischen Grenze, von denen aus ein lebhafter (wir reden über zehntausende Sturmgewehre) Waffenschmuggel stattfindet.

Der Bedarf an geschmuggelten Waffen in Mexiko resultiert aus den dortigen bürgerkriegsähnlichen Zuständen im Konflikt zwischen Regierung und Drogenkartellen mit über 30.000 Toten seit 2006, 2010 alleine 15.000 Tote, Tendenz steigend. Die Gewalt greift auf immer mehr Provinzen Mexikos über und destabilisiert das Land zusehends, was auch für die USA ein massives Problem ist. Die hohe Nachfrage nach Drogen aus den USA und die durch den War on Drugs hohen Preise helfen kräftig. Nun haben Mexikaner zwar das Recht, Waffen zu tragen, der Verkauf jedoch ist streng reguliert und deswegen der Schmuggel.

Diese Woche musste ich wieder an den Artikel denken. Die traurigen Ereignisse in Tuscon, Arizona, lassen in den USA verständlicherweise die Wellen hochschlagen. Erster Reflex von vielen Kommentatoren war, dass das Verbrechen durch die zunehmend feindselige Sprache insbesondere rechter (nach Maßstäben der USA) Politiker und Kommentatoren, wenn nicht ausgelöst, so doch auf jedenfall begünstigt worden war. Ich habe insgesamt den Eindruck, viele Leute hier haben mittlerweile ernsthaft Angst vor rechtsextremer Gewalt und die unmögliche Rethorik einfach satt. Auch Obama nahm dies als wichtigsten Punkt in seine Rede auf der Gedenkfeier auf.

Zweiter wichtiger Punkt der Debatte ist, wenig überraschend, die Frage, ob es denn sinnvoll ist, wenn ein psychisch labiler Mensch sich ganz legal eine halbautomatische Pistole beschaffen kann und die nötige Munition noch dazu. Halbautomatisch heißt, dass die Waffe automatisch nachlädt. Mit der von ihm benutzten Glock konnte Laughner in kurzer Zeit 30 Schüsse abfeuern, bevor er nachladen musste und überwältigt wurde. Die Waffe ist weder fürs Jagen oder zur Selbstverteidigung die richtige Wahl, sie ist gedacht, um Menschen zu töten. Die Debatte dreht sich insbesondere um das durch die Verfassung garantierte Recht, Waffen zu tragen und ob damit auch Maschinenpistolen gemeint waren, die Frage ob stärkere Waffengesetze nun mehr oder weniger Verbrechen verursachen und implizit das Problem, was man denn machen soll, wenn ein kommunistischer Negertyrann im weißen Haus sitzt. Ebenso spielt die Frage eine Rolle, ob man das Verbot halb- und vollautomatischer Waffen, das George W. Bush 2004 einfach auslaufen ließ, nicht wieder einführen sollte. Politisch ein heißes Thema.

Mexiko spielt keine Rolle. Die erste Schlagzeile aus 2011 ist diese.
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