Donnerstag, 26. November 2015

Das schiefe Weltbild

Ich habe kürzlich eine neue Doktorandenstelle besetzt. Da ich niemanden an der Hand hatte, habe ich die Stelle breit ausgeschrieben. Ich habe 73 Bewerbungen aus 25 Ländern bekommen. Die extremsten waren aus Benghazi in Lybien (200 km von Geköpften auf der Strasse) und aus Damaskus in Syrien. Offensichtlich findet dort noch eine irgendwie geartete Universitätstätigkeit statt. Ansonsten sehr viele Leute aus Iran und Pakistan. Alles junge gut ausgebildete Menschen mit dem Traum, Wissenschaft auf hohem Niveau zu machen, den sie in ihren Ländern nicht verwirklichen können. Damit sind die deutschen Kandidaten nicht gemeint, aber sehr wohl die griechischen.

Wenn ich diese Bewerbungen lese, kann ich derzeit nicht anders, als über Flüchtlinge nachzudenken. Darüber ist viel geschrieben worden, beispielsweise wortgewaltig hier. Zur Lage in Deutschland fand ich einen Beitrag zu Pegida sehr interessant, bei dem 25 Minuten Interviews mit Demonstrationsteilnehmern in Dresden zusammengeschnitten wurden.

Mir fallen mehrere Punkte auf, die sich bedingen und nicht auf Pegida beschränkt sind. Erstens haben die Leute eine diffuse Angst vor Veränderung und der Zukunft, die sich konkret an muslimischen Einwanderern festmacht. Und zweitens haben sie ein schiefes Weltbild, was der diffusen Angst Nahrung gibt. Ein dritter Punkt ist die berechtigte Frage, warum man bei Hartz-IV über 5 Euro streitet und dann aber sagt, man könne 1 Millionen Flüchtlinge aufnehmen.

Was das schiefe Weltbild angeht, so möchte ich erstmal festhalten: Die meisten von uns haben das. Eine Kontrollfrage: Wieviele Kinder hat eine durchschnittliche Familie ausserhalb der Industriestaaten? Zwei, Drei oder Vier? Antwort weiter unten! Und nun sich 20 Minuten Zeit nehmen und diesen TED-Vortrag von Hans Rosling anschauen.

You were beaten by the Chimps!
Thomas Lersch, CC-by-sa 3.0, via Wikimedia Commons
Die Antwort ist also zwei. Und ich vermute, dass auch meine geneigten Leser von den Schimpansen geschlagen wurden. Die Frage ist also: Was kann man dagegen tun, dass sehr viele Leute, auch gebildete und informierte, eine falsche Sicht davon haben, wie die Welt aussieht? Kürzlich war Rosling in einer bekannten dänischen Sendung. Das Format ist ein Zwiegespräch zwischen einem Gast und dem Moderator, der sich intensiv darauf vorbereitet, den Gast auseinanderzunehmen. Und Rosling hatte eine klare Botschaft: Man sollte die Medien nicht nutzen, um die Welt zu verstehen.

Viel zu selten wird im hektischen Alltagsjournalismus der Kontext erklärt, falls er denn überhaupt recherchiert wurde. Die Kritik ist in meiner Position etwas wohlfeil: Leisten die Universitäten genug? Wenn Nein, was sollten sie anders machen?

Extrapoliert man die Daten einige Jahrzehnte in die Zukunft, werden die heutigen Entwicklungsländer einen ansehnlichen Lebensstandard erreicht haben und die Bewohner einiges an ökonomischen Ressourcen. Wenn dann also der Klimawandel ernsthaft losgeht, werden die meisten der Leute, denen er die Lebensgrundlage entzieht oder die vor einem weiteren Krieg um Wasser flüchten, die Möglichkeit haben, ihr Land zu verlassen und zu Klimamigranten zu werden. Soweit, so dufte. Nur, eine Million Einwanderer pro Jahr wird dann die gute alte Zeit sein. Auch so ein Punkt, der in den Medien zu selten thematisiert wird.

Denn wer das nicht will, muss so schnell wie möglich handeln, die Zeit ist abgelaufen. Also am Sonntag den 29. 11. zum grossen Klimamarsch und immer brav den Router ausschalten, wenn man die Wohnung verlässt. 

Samstag, 21. September 2013

Was eigentlich zur Wahl steht

Morgen ist Bundestagswahl und ich möchte hiermit eine Last-Minute-Wahlempfehlung geben. Dabei werde ich auf den Punkt eingehen, der meiner Meinung nach neben der Eurokrise die dringlichste Aufgabe der nächsten Bundesregierung ist und gleichzeitig die geringste Rolle im Wahlkampf gespielt hat. Das ist die Verhinderung katastrophalen Klimawandels.

Das Problem ist: Es ist gerade Crunchtime und wenn die Menschheit in den nächsten fünf Jahren, also der nächsten deutschen Legislaturperiode nicht die Kurve kriegt, dann ist die Welt 2050 nicht mehr so wie wir sie kennen. Die Lösung des Problems ist schwierig und die aktuelle Regierung hat alles in ihrer Macht stehende getan, um das noch zu erschweren. Wer einen Wandel des Klimas anstrebt, sollte also CDU oder FDP wählen.

Dagegen gibt es genau eine Partei, die in ihrem Wahlprogramm wirklich wesentliche Punkte zur Behebung des Problems hat und als sie an der Regierung war, wesentliche Schritte zur Lösung durchgeführt hat, die überhaupt dazu geführt haben, dass die Menschheit noch eine Chance hat, den Klimawandel in den Griff zu kriegen. Das sind die Grünen, die über das Erneuerbare-Energien-Gesetz die Kosten für Solarpanele weltweit massiv gedrückt haben und die erheblichen Anteil an der Einführung des EU-Emissions-Zertifikate-Handels hatten.

Also was ist das Problem? Macht die westliche Welt nicht eh schon so viel und hat Grenzwerte eingeführt, erneuerbare Energien gefördert und so weiter? Ja, schon, nur ist davon global nichts zu spüren.
Globaler CO2-Ausstoss und Industrialisierug:
Jedes Jahr wächste der globale Ausstoss um 1%;
Bild: Mak Thorpe, CC-by-SA 3.0; Daten: Hier.
Die globalen Emissionen steigen jedes Jahr um 2%, also exponentiell. Und das seit Beginn der Industrialisierung 1750. Obwohl die EU mittlerweile 6% weniger emittiert als 1990. Das Öl, das in der EU nicht mehr gebraucht wird, wird nun halt nach China geliefert. Und Produktion, die aufgrund der Globalisierung abgewandert ist, sieht gut aus in den Emissionszahlen der Ursprungsländer, dafür ist sie in den neuen Ländern ineffizienter und treibt den Klimawandel.

Beängstigend ist das ganze, weil die Menschheit, will sie das 2-Gradziel erreichen, bis 2050 nur noch etwa 500-600 Gigatonnen CO2 in die Luft blasen darf. Gut, wird sich mancher denken, dann sinds halt drei Grad, das ist dann auch egal. Schön wärs. Das Problem ist, dass ein Klima mit 3 Grad Erwärmung aller Wahrscheinlichkeit nicht stabil ist und Kreisläufe auslöst (Abschmelzen allen Poleises, Zusammenbruch des Golfstroms, Abtauen des Methans in Sibirien), die dazu führen, dass wir bis 2100 4-8 Grad Erwärmung haben. Und das ist die Apokalypse.

Schaut man sich nun die obige Kurve an, dann sind die bereits getätigten Emissionen die Fläche unter der Kurve. Sie addieren sich zu etwa 2000 Gigatonnen, also dem vierfachen von dem, was wir bis 2050 noch über haben. Je früher die Kurve wieder nach unten geht, desto einfacher wird es, je später, desto schwieriger. Realistisch gesehen muss die Trendwende in den nächsten 5 Jahren passieren, sonst ist es aus. Nächstes Jahr wird die Menschheit etwa so 13-15 Gigatonnen ausspucken von den 500-600, die wir noch dürfen. Es wird eng.

So, und damit kommen wir nun zu den wirklich schlechten Nachrichten. Es ist nämlich alles noch viel schlimmer. Die bekannten Vorräte an förderbaren fossilen Brennstoffen, also an Öl, Gas und Kohle sind gut für 2500 Gigatonnen Emissionen. Also fünfmal so viel, wie wir noch verbrennen dürfen. Das eigentliche Spiel ist also, in eine Lage kommen, das Zeug in der Erde zu lassen. Und da Kohle am wenigsten Energie pro CO2 bringt, ist es massiv gegen die eigenen Interessen, diese zu verbrennen. Die schwarz-gelbe Bundesregierung hat es beispielsweise hinbekommen, die Energiewende so zu gestalten, dass mehr Kohle als vorher verbrannt wird. Dabei hat die CDU im Europaparlament eine wesentliche Rolle gespielt, als die das oben erwähnte EU-Zertifikate-Handels-Verfahren (EU-ETS) torpediert hat. Und sie ist für Fracking, obwohl es ja völliger Wahnsinn ist, die Menge der förderbaren Rohstoffe noch zu vergrössern. Sie torpediert schärfere Regulierung von Autobauern und ist gegen ein Tempolimit, obwohl diese Sachen die Emissionen weltweit beeinflussen. Die Autos werden weltweit schwerer gebaut als notwendig, damit sie in Deutschland bei Tempo 200 auf der Autobahn noch Bodenhaftung haben.

Die Grünen fordern den Ausstieg aus der Kohleenergie, die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und CO2-Emissionen durch Förderung erneuerbarer Energien und neuer Indikatoren neben Wirtschaftswachstum, Inflation und Arbeitslosenquote, die erfolgreiche Wirtschaftspolitik bewerten sollen. Sie sind gegen Fracking, sie wollen das EU-ETS wiederbeleben. Dieses global hinzubekommen, ist die aussichtsreichste Idee, es zu schaffen. Und sie haben im Gegensatz zu CDU, FPD und SPD die Eurokrise korrekt analysiert und könnten sie lösen. Was hat das hiermit zu tun? Ohne internationale Zusammenarbeit und Diplomatie gibt es keine Chance. Wer Europa politisch torpediert, der gefährdet eine internationale Einigung.

Aber ist meine Stimme für Grün denn nicht verschenkt? Letztlich ist die einzige Chance, eine Situation zu schaffen, in der eine Politikerin wie Merkel es für sinnvoll hält, den Klimawandel anzupacken und auch drastische Massnahmen nicht als politischen Selbstmord. Das geht zum Einen durch Verhaltensänderung (siehe etwa "Wie schlecht sind Schweine?"), so dass die Gesellschaft demonstriert, dass ein ausreichender Anteil der Leute etwas eh will. Das ist das, was beispielsweise beim 2. Atomausstieg oder der Abschaffung der Wehrpflicht passiert ist. Und zum Anderen durch starke Grüne im Bundestag.

Als Leseempfehlung einen Artikel von Bill MacKibben im Rolling Stones Magazine und für die, die eine detailliertere Analyse mit mehr Handlungsempfehlungen haben wollen, das Buch "The Burning Question" von Mike Berners-Lee und Duncan Clark.

Und sonst:
  • Gestatten, der Bobbit-Wurm
  • Wie viele Indianer lebten 1491? 10 oder 100 Millionen?
  • Wo speichert Google eigentlich das Internet und wieviel Festplatten brauchen sie dafür?

Samstag, 31. August 2013

Professor sein ist nicht so schwör, Professor werden... Teil I: Der Beste seit Newton

Das Leben eines Professors ist natürlich himmlisch, wenn man nach einer Konferenz aus dem Flugzeug steigt werden krasse Forscher bereits von einem Reporterteam erwartet, was nach den neuesten spannenden Ergebnissen fragt, dann bringt einen der Chauffeur der Uni nach Hause, wo die Frau Häppchen reicht. Am nächsten Tag erwarten einen die Sekretärin mit der ausgefüllten Dienstreiseabrechnung zum Unterschreiben und Doktoranden, die die Abwesenheit genutzt haben, um neue krasse Forschungsergebnisse zu produzieren und begeistert davon erzählen, wie alles ohne Probleme funktioniert hat. Und die DFG hat den neuesten Antrag genehmigt. Also alles himmlisch. Aber wie wird man eigentlich Professor? Also nicht so, promovieren, forschen, habilitieren, forschen, bewerben, forschen, …, sondern mal ganz konkret?

Ich sags mal so: Das ist so eine Sache… Und es hängt auch davon ab, wovon man eigentlich redet. Professor ist international nicht immer dasselbe und noch nicht mal in Deutschland, wo es mittlerweile vorkommt, dass W2-Professuren befristet auf 5 Jahre ausgeschrieben werden. Ich habe mich mittlerweile in vier verschiedenen Ländern beworben, konkret Deutschland, Österreich, Schweden und USA. Und musste feststellen, dass nicht nur die Systeme sehr unterschiedlich sind, sondern auch die Bewerbungsverfahren.
Textwüsten können durch Bilder krasser Forscher mit
Uhus in Glastonbury aufgelockert werden. 
In Deutschland und Österreich wird man aufgefordert, bei Bewerbung die "üblichen" Unterlagen mitzuschicken. Dies sind also Anschreiben, Lebenslauf mit Angaben zu Publikationen, Gremientätigkeiten, Drittmitteln, sowie Urkunden (Promotion, Habilitation). In Schweden gab es einen Fragenkatalog mit etwa 100 Punkten, der sich inhaltlich nicht dramatisch von dem unterscheidet, was man auch in Deutschland abschickt, aber das komplette Neuformatieren, Übersetzen und Anpassen dauert dann einfach mal einen Tag. Dazu kommen zwei Punkte, die in Deutschland nicht Standard sind. Das eine ist ein zwei- bis dreiseitiges Expose zur eigenen Forschung, ihrer Relevanz und wie es in Zukunft weitergehen soll. So etwas ähnliches schicke ich auch in Deutschland mit, aber in deutlich anderer Form. Das andere ist ein zweiseitiges Expose zur eigenen Lehre und den eigenen Vorstellungen von Lehre. In den USA sind solche Texte zur eigenen Forschung und Lehre ebenfalls normal.

Der Knackpunkt ist nun, wie wichtig die Exposes sind. In Deutschland sind sie letztlich Beiwerk. Entscheidend ist die Anzahl der Publikationen, dann der Lebenslauf, dann vielleicht die Lehrerfahrung. Einen Text zur Lehre würde niemand lesen. Manchmal muss man eine Lehrprobe abgeben, diese wird aber nicht systematisch analysiert, sondern liefert den Komissionsmitglieder eine Möglichkeit, aus ganz anderen Gründen gewünschte oder unerwünschte Kandidaten zu pushen oder zu eliminieren. In Schweden wurde ich dagegen bei einem Interview explizit auf Passagen aus meinem Lehrexpose angesprochen, mein Probevortrag wurde nach Strich und Faden auseinandergenommen und meine Methoden, meine Lehre zu verbessern, diskutiert und gefragt, bei wie vielen Kollegen ich schon hospitiert hätte. Antwort: Bei keinem, es ist an deutschen Unis absolut unüblich. Das ganze ging etwa 90 Minuten, in Deutschland dauert dieser Teil vielleicht 60 Minuten. 
Dieser Affe lässt sich ganz wie ein Professor
spazieren fahren.
Und in den USA? Wie mir ein Kollege aus Maryland sagte, spielt der Text zur Lehre keinerlei Rolle. Es ist Folklore, die eben in den Statuten steht. Entscheidend ist wie in Deutschland die Forschungsleistung. Und noch etwas anderes: Empfehlungsschreiben. In Europa werden zu einzelnen Kandidaten von Fachleuten Gutachten zur Wissenschaft verfasst, die den Berufungskomissionen typischerweise enge Grenzen setzen.

Empfehlungsschreiben laufen dagegen folgendermassen: Jeder Kandidat fragt 3-5 Professoren nach einem Empfehlungsschreiben. Diese verfassen es, der Kandidat schreibt die Kontaktadressen der Professoren in die Bewerbung rein, die entsprechende Uni fordert dann von diesen die Schreiben an. Ganze Sekretariate sind damit beschäftigt, die zu verschicken und zu sortieren. Will man an einer amerikanischen Eliteuni eine Stelle kriegen, sind zwei Dinge unabdinglich, wie mir Tony Jameson erklärte. Zum Ersten müssen die Gutachter den Leuten bekannt sein, man muss also Leute aus Harvard fragen und nicht aus Ulan Bator. Und zum Zweiten muss dann endlich mal die Wahrheit über krasse Forscher drinstehen. "He's the Best since Newton."

Bei mir lief dass dann so: Drei der von mir angefragten wollten ein Gutachten vorgeschrieben haben, alle schrieben im europäischen Stil, in dem man nur vorsichtige Aussagen trifft und ich hatte keine Chance. Wie auch andere europäische Bewerber mit denen ich sprach. Bei einem schrieb ein englischer Gutachter nur lapidar: I recommend the candidate for this position. Es ist eben wie bei einem Betriebszeugnis in Deutschland. Wenn da gewisse Sachen nicht stehen und das Zeugnis weniger euphorisch ist als üblich, dann ist das als bewusste Abweichung von der Norm ein Statement.

Und sonst:

Sonntag, 2. Juni 2013

I'm a Leibnütz man

Eine gute Ablenkung von der Mathematik bietet das Mathematics Genealogy Project, was einen riesigen Mathematikerstammbaum pflegt, bei dem die Eltern Erst- und Zweitgutachter der Dissertation darstellen. Bei meinem Doktorvater und mir gab es dabei bislang das Problem, dass zwar noch sein Doktorvater bekannt war, dort die Spur jedoch endete. Also kein lustiges Zurückführen der eigenen mathematischen Genealogie auf Gauss, Euler oder Cauchy, im Gegensatz zum fast kompletten Rest der mathematischen Welt. 

Nun hat Springer kürzlich ältere Ausgaben der Zeitschrift Archive for Rational Mechanics and Analysis digitalisiert und dort ist insbesondere die Zusammenfassung der Dissertation von Willie Törnig zu finden, wo er erwähnt, dass die Gutachter W. König und H. Menzel von der TU Clausthal waren. Und das passt damit zusammen, dass er in Clausthal bei Wilhelm König habilitiert hat und damit ist klar, mein Urgrossvater ist ein König. Nun denn, dieser Mann hat bereits einen Eintrag im Projekt, von dort aus kann man sich also weiterklicken, landet bei Runge, einem der ersten echten Numeriker und schliesslich bei Karl Weierstrass, auch genannt Prinz der Analysis (der Fürst war ja schon durch Gauss belegt). 

Ab hier muss man die Augen zu kneifen: Weierstrass hat nie promoviert. Er war Mathematiklehrer und hat nebenbei an Mathematik geforscht und wurde durch seine Ergebnisse so berühmt, dass man ihm eine Ehrendoktorwürde verlieh. Das Genealogy Project listet hier einen Herrn Gudermann als Doktorvater. Also nicht lange fackeln und weiter geht's und nach sieben Generationen landet man bei? Herrn Friedrich Leibnütz im Jahre 1622! 

Friedrich Leibnütz; Unbekannter Maler,
via Wikimedia Commons
Das klingt nach einem Schreibfehler, aber ein Blick in die Wikipedia zeigt auch dem Ungebildeten, dass es sich um den Vater des uns allen Bekannten Leibnizes handelt. Und damit ist die wichtige Frage, die Sheldon einmal völlig empört Leonard stellt beantwortet: "Are you a Leibniz man?" Well, not quite, but at least a Leibnütz man!"

Hintergrund der Frage ist der Prioritätsstreit zwischen Newton und Leibniz über die Ersterfindung der Infinitesimalrechnung. Die Sache war schon damals klar und ist es auch heute noch: Beide haben es unabhängig voneinander mit unterschiedlichen Ansätzen selbstständig gefunden. Newton hatte seine Sachen früher, publizierte sie aber extrem lange nicht, so dass seine Publikation faktisch nach der von Leibniz erschien. Leibniz hatte dafür beispielsweise die Produktregel der Ableitung als erster. Und nochmal unabhängig von diesen beiden fand James Gregory den Hauptsatz der Analysis. 

Newton war jedoch Vorsitzender der Royal Society und liess die Frage von einer Kommission abschliessend entscheiden. Die Kommission bezichtigte Leibniz entgegen der Fakten des Plagiats, was die englische und die kontinentale Mathematik auf längere Zeit entfremden sollte. Nein, ein Newton-man will keiner sein.  

Und sonst:

Samstag, 13. April 2013

Zu wem gehören sie denn?

Eine Frage die mir häufig von anderen Wissenschaftlern aus Deutschland gestellt wird ist die folgende: "Zu wem gehören sie denn?". Trotz des sies fühlt man sich an seine Kindheit erinnert. Denn Sinn der Frage ist, die eigentlich Verantwortlichen für das offenkundig unmündige Wesen zu identifizieren.

Aus dem angelsächsischen Raum höre ich solche Fragen nie. Da ist es selbstverständlich, dass ein Wissenschaftler meines Alters mindestens Assistenzprofessor ist und als solcher per se unabhängig arbeitet. Die Frage die einem von diesen Kollegen gestellt wird ist: "What is your field of work?"

Und sonst:

Samstag, 15. Dezember 2012

Riemann und die Habilitation

Vor einiger Zeit war ich auf einer Hochzeit eingeladen, auf der ein Mathematiker einen Cellisten heiratete. Und so sagte der Mathematiker: "Du hast mir die Schönheiten der Musik nähergebracht und ich habe versucht, Dir die Schönheiten der Mathematik näherzubringen." Ferner tat er den Anwesenden kund, dass sich eine von Riemanns Urenkelinnen unter den Gästen befände er und gerne Kontakt herstellen könne. Und so traf ich Riemanns Urenkelin. Eine wirklich nette Frau, die über ihren Urahnen bestens Bescheid wusste.

Krasse Mathematiker mit krassen Urenkelinnen
"Wen interessierts?", mögen eventuell mitlesende Biologen fragen. Wer ist denn überhaupt Riemann? Bernhard Riemann war einer der bedeutendsten Mathematiker des 19. Jahrhunderts. Obwohl er nur 40 Jahre alt wurde, lieferte er zu zahlreichen Gebieten der Mathematik bahnbrechende Beiträge. Er promovierte in Göttingen bei Gauss und ist den meisten für das Riemann-Integral bekannt, das ist das mit den Ober- und Untersummen, was in der Schule typischerweise gelehrt wird.

Unter Mathematikern ist vermutlich das bekannteste die von ihm aufgestellte Riemannsche Vermutung, die immer noch nicht bewiesen ist und eines der sieben Millenium-Probleme ist, es gibt also für den Beweis oder die Widerlegung 1 Millionen Dollar. Konkret geht es um eine vermutete Abschätzung, wie Primzahlen innerhalb der natürlichen Zahlen verteilt sind. Und da die Frage schon so lange offen ist, haben die Zahlentheoretiker mittlerweile auch schon drumrumgeforscht und die Vermutung durch schlechtere Abschätzungen ersetzt, die aber in der Praxis fast alles liefern was ein Zahlentheoretiker so braucht. Nun denn, ein weiterer Punkt sind seine Analysen nichtlinearer Riemann-Probleme, mit denen er einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis der Navier-Stokes-Gleichungen lieferte. Mein Strömungslöser besteht im wesentlichen aus unzähligen Aufrufen so genannter approximativer Riemann-Löser, die Riemann-Probleme näherungsweise lösen.

Einem theoretischen Physiker dürfte dagegen als erste die Riemannsche Geometrie in den Sinn kommen. Diese liefert eine abstrakte und gerade deswegen extrem nützliche Beschreibung gekrümmter Flächen, die es Albert Einstein erlaubte, die allgemeine Relativitätstheorie zu formulieren. Vorgestellt hat Riemann diese 1854 in seinem Habilitationsvortrag "Über die Hypothesen, welche der Geometrie zugrunde liegen". Das verlinkte Dokument ist ein Redemanuskript, wie es von ihm damals in Göttingen vorgelesen wurde, entsprechend tauchen quasi keine Formeln auf. Unter den Zuhörern war der alternde Gauss, der sich selbst mit nichteuklidischer Geometrie beschäftigt hatte, aber mit seinen Ergebnissen dazu nie recht zufrieden war und sie nicht publizierte. Er war sehr angetan und sagte nicht wie bei manch anderer Gelegenheit, das hätte er ja schon lange in seinen Tagebüchern stehen.

Mir ist nicht klar, wie die Habilitationsordnung in Göttingen damals war. Anscheinend machte Riemann drei Themenvorschläge, von denen eines ausgewählt wurde, über das er dann vorzutragen hatte. Heutzutage ist es üblich, einen wissenschaftlichen Fachvortrag zur eigenen Forschung zu halten, sowie einen Probevortrag, bei dem die Lehrfähigkeiten der Kandidatin auf die Probe gestellt werden. Denn schliesslich geht es bei der Habilitation um die Verleihung der Lehrberechtigung ("Venia Legendi"), also muss dazu etwas vorgeführt werden. Darüberhinaus soll man zeigen, dass man zügig in fremde Themen einsteigen kann. Faktisch bedeutet das, dass man vor einem breiteren Publikum einen Vortrag hält, bei dem man die Leute nicht nach zehn, sondern nach zwanzig Minuten abhängt. Zu früh, und die didaktischen Fähigkeiten werden kritisiert, zu spät, und die mathematischen Fertigkeiten sind zu gering. Das Thema wird dabei von einer Komission ausgesucht, basierend auf Vorschlägen des Kandidaten, wobei es um Themen gehen soll, die abseits des eigentlichen Forschungsgebiets.

Ich selbst musste nur einen Probevortrag halten und durfte dann statt über diskrete Markovketten oder das mathematische Werk von Augustin Louis Cauchy, das SQP-Verfahren zum Besten geben. Und damit wurde mir, eine weitere Abstimmung das Fachbereichsrats später, tatsächlich die Habilitation zuerkannt. Eingereicht hatte ich im Januar, die Prozedur, die viele Tiefen und wenig Höhen hatte, hat also insgesamt 10 Monate gedauert.

Insofern zitiere ich einfach den ehemaligen Präsidenten der deutschen Forschungsgemeinschaft, Ernst Winnacker, der in der Zeit beklagte: "Die Habilitation, letztlich ein Herrschaftsinstrument altgedienter Professoren über den Nachwuchs, gibt es immer noch."

Und sonst:
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