Samstag, 28. Mai 2011

Kollaborative Wissenschaft

Wissenschaft wird immer kollaborativer. Das Hookesche Gesetz konnte Hook noch völlig alleine rauskriegen. Gleichzeitig war es kein Zufall, dass zu der Zeit in den Naturwissenschaften eine Fülle an neuen Resultaten erzielt wurde, nämlich durch die Mitglieder der damals neuen Royal Society. Wissenschaft ist vor allem dann gut, wenn Wissenschaftler den Ideen andere Wissenschaftler ausgesetzt werden. Einstein war nicht etwa die Ausnahme, sondern einfach egozentrisch, als er in seiner Arbeit zur speziellen Relativitätstheorie keine Literatur angab, obwohl Lorentz und Poincaré schon fast alles veröffentlicht hatten und ihnen nur der entscheidende Geistesblitz fehlte.

Heute gibt es Experimente wie am Large Hadron Collider in Cern, bei denen auf den Veröffentlichungen vermutlich 50, vielleicht 100 Leute stehen werden. Die Zeiten, wo einsame Wissenschaftler in ihrem Kämmerlein sitzen, sind vorbei. Das hat viele Gründe. Zum einen gibt es mehr Wissenschaftler als früher. Zum anderen gibt es neue Möglichkeiten der Kommunikation wie Email oder das WWW. Und schließlich sind in vielen Gebieten der Wissenschaft die einfachen Probleme gelöst, viele der heutigen Probleme sind interdisziplinär und erfordern damit inhärent Zusammenarbeit mehrerer Wissenschaftler.

Ein anderes interessantes Beispiel ist das Polymath-Projekt. Dieses wurde von Fields-Medaillen-Träger Timothy Gowers ins Leben gerufen und stark von Fields-Medaillen-Träger Terence Tao unterstützt. Dort wurde ein mathematisches Problem auf einem Blog gestellt und Leute dazu eingeladen, ihren Senf dazuzugeben. Nach kurzer Zeit nahm das ganze Fahrt auf, das Problem war nach ein paar Wochen gelöst und sogar eine etwas allgemeinere Aussage bewiesen. Begleitet wurde das ganze über ein Wiki, auf dem Zwischenergebnisse aufbereitet wurden, um in den hunderten von Kommentaren nicht den Überblick zu verlieren.

Und trotz allem ist Kollaboration in der Wissenschaft nicht das, was sein könnte. Eine gute Zusammenfassung bietet der wirklich sehenswerte TED-Talk von Michael Nielsen:


Ebenfalls interessant ist das Blog Research cycle research, auf das ich über den Vortrag von Daniel Mietchen auf der letzten Wikipiedia Academy gestoßen bin. Wissenschaftler nutzen Werkzeuge wie offene Wikis nicht, wissenschaftliche Ergebnisse werden weiterhin in Form von diskreten Artikeln publiziert, statt dass andere Wissenschaftler kontinuierlich über Forschritt informiert und eingeladen werden, ihre Ideen einzubringen, wissenschaftliche Artikel werden wenig kommentiert und  Daten, Codes und Ergebnisse werden wenig ausgetauscht, sondern vor Zugriff durch andere Wissenschaftler geschützt. 

Es ist nicht so, als ob es nicht Versuche gäbe, das zu ändern. Beispielsweise gibt es zahlreiche wissenschaftliche Wikis, von Leuten gestartet, die für einzelne Disziplinen ein wissenschaftliches Repositorium schaffen wollten. Diese sind aber mittlerweile alle tot.

Es gibt Leute, die OpenSource-Code produzieren, ein Beispiel ist PETSc, ein anderes DEAL II. Ein Großteil der Softwareentwicklung findet aber an den Instituten selbst statt, die ihre Codes geheim halten. Übrigens auch ein Problem bei der Wissenschaftlichkeit: ein Großteil der Artikel in der numerischen Mathematik ist praktisch nicht validierbar, da von Dritten dazu erstmal einige Jahre Codeentwicklung betrieben werden müsste. Wissenschaftlich redlich wäre es, die eigenen Codes offenzulegen.

Was Publikationen angeht, sind OpenAccess-Journals auf dem Vormarsch, aber noch ist es der Standard, etwa bei Elsevier zu publizieren. Ein Unternehmen mit einer traumhaften Rendite, das keine nennenswerte eigene Dienstleistung bringt. Und dadurch, dass es dort ein Bezahlmodell gibt, sind die dort publizierten Artikel für außenstehende nicht einsehbar, was es natürlich schwieriger macht, Ideen zu liefern.

Die Antwort, warum Wissenschaftler die neuen Möglichkeiten so wenig nutzen, ist recht einfach: Im Wissenschaftsbetrieb ist für Karriere weniger die wissenschaftliche Arbeit an sich wichtig, sondern dass die eigene wissenschaftliche Leistung gegenüber dritten dokumentierbar ist. Im wesentlichen geschieht dies dadurch, dass man Artikel schreibt, die in Zeitschriften mit Peer Review erscheinen. In Deutschland ist das sogar im Hochschulrahmengesetz quasi fest geschrieben, ein wesentlicher Punkt in Berufungsverhandlungen sind nämlich die Gutachten, die am Ende des Prozesses über die 3-5 verbleibenden Kandidaten in Auftrag gegeben werden. Basis für diese ist das wissenschaftliche Werk, gegeben durch Zeitschriftenartikel. Die Frage, ob die Person in der Lage ist, Mitarbeiter zu führen spielt ebenso keine Rolle wie Aspekte der Wissenschaftskommunikation. Auch wenn ich der vermutlich meist gelesene Mathematiker meines Alters in ganz Deutschland bin, ich bezweifle, dass dies bei Bewerbungen nützlich sein wird.

Das impliziert mehrere Dinge: Für einen nicht etablierten Wissenschaftler ist es nicht von Vorteil, seine Forschungsergebnisse zu früh zu publizieren, weil dann die Gefahr besteht, dass andere die Sachen aufgreifen und selbst weiter entwickeln. Zu viel Zusammenarbeit mit anderen kann also kontraproduktiv sein. Das bedeutet ebenfalls, dass es nicht von Vorteil ist, eigene Daten zu veröffentlichen oder eigene Codes herauszugeben.

Das zeigt auch, warum das Polymath-Projekt funktioniert hat: Weil Gowers und Tao weltberühmt sind, weil sie sich nicht mehr etablieren müssen, können sie frei von solchen Zwängen offene Wissenschaft betreiben.

Damit ist leider auch klar, dass das Problem nichttrivial ist: Das große Problem ist, wie ich noch sagen kann, ob ein bestimmter Wissenschaftler gut ist, wenn ich die individuelle Leistung nicht mehr so gut belegen kann. Meiner Meinung nach gibt es eine Lösung: Die Berufungsverfahren müssen dann breiter aufgestellt werden, den Kandidaten muss intensiver auf den Zahn gefühlt werden, Assessment Center sollten Standard sein. Dann ist es durchaus möglich, festzustellen, ob jemand in der modernen Wissenschaft, die neben wissenschaftlichen Qualitäten Führungsqualitäten fordert, Organisationstalent auch Teamfähigkeit fordert, etwas bewegen kann. Meiner Meinung nach sogar besser, als wenn man nur die Zeitschriftenartikel betrachtet.

Es gibt noch einen zweiten Weg, wie etwas geändert werden kann: Die wichtigen Wissenschaftsorganisationen müssen an finanzielle Förderung Bedingungen in dieser Hinsicht knüpfen. Wenn die deutsche Forschungsgemeinschaft Geld nur unter der Bedingung gibt, dass die Ergebnisse in Open-Access-Zeitschriften erscheinen, dass Codes und Daten offengelegt werden, dann verändert sich die Wissenschaftslandschaft. Die DFG ist auf dem Weg dahin, Matthias Kleiner hat diese Themen auf dem Schirm und Veränderungen sind sichtbar. Kurioserweise ist der Widerstand von innerhalb der Wissenschaft am größten: Narzissmus und Konservativität sind leider weit verbreitet.

Schließlich ist da noch ein dritter Weg: Nicht etablierte Wissenschaftler sollten einfach machen. Oder zumindest ein bisschen. Sage ich mir zumindest: Den nächsten Artikel, den publizierst Du dann aber in einem Open Access Journal und nicht da wo es für die Karriere am Besten wäre. Und irgendwann veröffentlichst Du Deine Software. Ganz bestimmt...

Und sonst:
  •  Followup von letzter Woche: Das Future Chips Blog (danke an Peter)
  • Chinafarmer ist ein geflügeltes Wort unter World-of-Warcraft-Spielern und die Ausbeutung dieser durch ihre Arbeitgeber nicht anders als auf chinesischen Baustellen. Aber im Gefängnis durch die Wärter?
  • Wie ich das letzte mal schrieb, ist Dirk in der Form seines Lebens. On the receiving end, ist die Inkarnation von Enttäuschung. Also: Neuauflage von 2006 aus, Mavericks gegen Heat. Was krasse Forscher mit Schnittchenorganisateusen in spe im Dezember schon bewundern durften.
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