Dienstag, 13. September 2011

WikiCon-Nachlese

Einfach mal etwas ungeordnet ein paar Impressionen von der Wikicon, auf der ich am Wochenende war. Zunächst: Das ganze war gut organisiert, alles lief reibungslos, da haben die (fast ausschließlich freiwilligen) Organisatoren wirklich gut gearbeitet. Wie jedesmal auf Wikipedianerveranstaltungen viele interessante Gespräche mit vielen interessanten alten und neuen Bekanntschaften geführt! Danke!

Der Balkon, auch Diddl-Club genannt;
Smial, CC-by-SA 3.0

Das Programm war interessant, es gab mehrere Parallelsessions, so dass eigentlich für jeden Geschmack immer etwas dabei war. Leider war die Qualität der Beiträge durchwachsen. Hier würde ich mir von der Gesamtorganisation her wünschen, dass beim nächsten mal mehr Arbeit in die Programmqualität gesteckt wird. Zum Einen tauchen ja diverse Leute auf, die zum erstenmal einen Vortrag halten und mit wenigen entsprechenden Vorgaben und Hilfestellungen mehr leisten könnten. Konkret könnte man die Beiträge in unterschiedliche Kategorien aufteilen (Vortrag, Workshop, Diskussion, beispielsweise), zum anderen ein längeres Abstract verlangen als das jetzt der Fall war. Außerdem sollte es mehr Zeit zum diskutieren über die Inhalte geben.

Drei Sachen waren etwas schade: Einmal das Fehlen eines externen Hauptvortragenden (Rainer Hammwöhner oder Christian Stegbauer würden mir spontan einfallen), denn so schmorte man mal wieder sehr viel im Wikipedianereigenen Saft. Dann die zu geringe Zahl an Kaffeepausen. Die sind wichtig, um mehr Raum für Gespräche zu bieten. Und schließlich dass die Vorträge nicht auf Zeitschienen liefen, die ein leichteres Wechseln zwischen Vorträgen erlaubt hätten.

Inhaltlich waren in dem was ich mir angeschaut habe die Bildfilter und die Qualität von Wikipediainhalten die zentralen Themen. Vor allem letzteres, wo ich mir den Vortrag von WiseWoman zu ethischen Problemen bei Artikeln zu lebenden Personen, den von Ziko zu Enzyklopädien und den von Carbidfischer zur Nachlese der Veranstaltung "Wikipedia meets Altertumswissenschaften" angehört habe. Auf der Podiumsdiskussion war das dann auch Thema. Bemerkenswertes Statement des Journalistikprofs Klaus Meier: "Gute Qualitätssicherung muss weh tun." Ist wohl was dran. Zum Vortrag am Freitag von Southpark zu "Chiara Ohoven und der Mär vom arbeitenden deutschen Mann" kam ich etwas zu spät, konnte nur noch die Diskussion mitkriegen. Hätte mir glaube ich sehr gut gefallen, aber vermutlich aus anderen Gründen als viele andere Zuhörer.

Eine schöne Sache kann man auf jedenfall rausziehen: Es fängt an, dass der Diskurs zu Qualität von Inhalten und wo die Reise hingehen soll, die sinnlosen Kategorien "Inkludismus und Exkludismus" verlässt. Bei diesen ist das größte Problem, dass es keine fünf Benutzer gibt, die man sinnvoll als Exkludisten bezeichnen kann (und ja auch gar nicht klar ist, was das sein soll) und eigentlich Exkludismus mehr der notwendige "Böse" Gegenpart für Hardcore-Inkludisten ist, wobei wieder nicht ganz klar ist, was das nun sein soll. Sicher ist, dass "Löschen ist ein notwendiger Bestandteil der Qualitätssicherung in der Wikipedia." ein Satz ist, der von 90% der Wikipedianern unterschrieben werden könnte. Die Frage ist halt, was man warum aufnimmt und dies lässt sich nicht sinnvoll in den Kategorien "Löschen ist doof" bzw. "Löschen ist toll" diskutieren.

Foundation-Präsident Ting Chen musste viele Fragen zum Bildfilter beantworten;
Ziko van Dijk, CC-by-sa 3.0
Southpark hat einige Sachen schön aufgezeigt: Die Relevanzkriterien werden von zu vielen Leuten nach Kategorien der gefühlten Bedeutung angewendet und gestaltet. Das führt dann zu Argumenten, bei denen Leute sagen: "Also wenn wir diese Pornodarsteller aufnehmen, dann ist es ja wohl keine Frage, dass wir diesen Künstler, Wissenschaftler und diese Bibliothek aufnehmen müssen." Ein Wikipediaartikel ist damit eine Belohnung für gute Leistungen und wer diesen oder jenen Artikel nicht aufnehmen will ist ein Neider, der die Leistung nicht würdigen kann. Sehr berühmt auch der Verweis auf Drittligafussballer. Die englische Wikipedia macht das besser: Da gibt es das Konzept der Notability, was vollkommen ignoriert, was Wikipedianer wichtig finden, sondern nur wie es rezipiert wurde und entsprechend Sekundärquellen vorhanden sind.

Der Lackmustest sind lebende Personen. Eines der Zitate der Konferenz war "lebende Personen sind immer ein Problem". Ich weiss gar nicht von wem es stammt, aber es hätte auch von mir stammen können :-) Egal wie man zu den Themen Relevanzkriterien, Qualität, Löschen, etc. steht. An der Frage ob ein ethisch und moralisch verantwortungsvoller Umgang mit den Biographien lebender Personen herauskommt oder die Freizeitgestaltung von Wikipedianer Vorrang vor diesen hat, entscheidet sich welche Wege überhaupt gangbar sind.

Sehr interessant auch die Ausführungen von Mathias Schindler und seinem neuen Chef Jan Engelmann über die Lobbying-Aktivitäten und den Berliner Wahlkampf. Ach ja, war schön mal viele der neuen Mitarbeiter von Wikimedia Deutschland kennenzulernen.Und diverse neue und alte Vorstände.

Drei Ex-Wikimedia-Vorstände, seit Ewigkeiten nicht mehr in Gruppe gesichtet...;
Alupus, CC-by-sa 3.0

Schliesslich ist da noch die erfreuliche Sache, dass die Bemühungen der Foundation (sprich von Sue Gardner), Entscheidungen verstärkt data-driven zu treffen, Früchte tragen. Es gibt also nicht nur Ergebnisse, sondern diese werden von der Foundation genutzt. Schön daran ist, dass das auch ausserhalb der Foundation, also in der Wikipedia Früchte trägt. Deswegen (und nachdem Hoch auf einem Baum mich wegen meiner mangelnden Kenntnis der dortigen Ergebnisse kräftig gescholten hat) nochmal der Link: Wikipedia Summer of Research 2011. Lest das! Und auch die Sachen von Manuel Merz! Dafür gibts auch nen Link auf diesen zeitlosen Insiderscherz: Frank Schulenburg trifft HaeB.

Und sonst:
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