Samstag, 22. Januar 2011

What technology wants

Der korrekte Titel dieses Blogposts wäre "Bericht vom West Coast Wikicon". Das klingt aber ein bisschen lahm und außerdem möchte ich tatsächlich vor allem über den Vortrag von Kevin Kelly schreiben. Wer das ist? Wusste ich vorher auch nicht, aber jeder anständige Nerd kennt seine Werke und fürs erste: Das ist der Mann in dem gelben Pulli, der dafür sorgt, dass meine Anwesenheit auf dieser Konferenz den meisten ein Geheimnis bleiben wird.

Der West Coast Wikicon war also eine eintägige Konferenz in San Francisco im Vorfeld der 10-Jahresparty für die Wikipedia. Format war OpenSpace, eine flexible Konferenzform, bei der das Programm nicht vorab festgezurrt wird, sondern je nach Interesse der Anwesenden Vorträge und Workshops dynamisch festgelegt werden. Etwas was, wie mir Organisator Eugene Kim erklärte, funktioniert, wenn die Räumlichkeiten stimmen: "Space influences people."

Eugene ist selbstständig und berät Firmen, die Hilfe bei ihren kollaborativen Prozessen wünschen. Den Wikipedianern unter den Lesern ist er vielleicht bekannt als der, der den strategischen Planungsprozess der Wikimedia Foundation betreut hat. Dieser wiederum ist so etwas wie der Kompass 2020 von Wikimedia Deutschland, nur in gut. Er sieht die Wikipedia langfristig vor großen Problemen aufgrund der Stagnation bei der Autorengewinnung, hält das allerdings für lösbar. Nur: Derzeit findet zu viel der Entscheidungsfindung im Blindflug statt, weil zu wenig Daten zu allem vorliegen, was einen ganzen Rattenschwanz an Problemen nach sich zieht. Andrew Lih, Phoebe Ayers und ich konnten ihm aufgrund unserer Erfahrungen nur zustimmen. Alles in allem also interessant und nun stelle man sich vor, diese Veranstaltung hätte in St. Petersburg, Florida stattgefunden. Der von der Sonne meines Lebens organisierte Floridareiseführer sagte dazu, dass es die Stadt mit den meisten Tittenbars in Florida sei.

Nun denn, zum eigentlichen Thema. Kevin Kelly war lange Chefredakteur von Wired, sowie Herausgeber des Whole Earth Catalogs also sozusagen im Herzen all dessen, was die Nerdkultur ausmacht. Er war früher Hippie, hat in Afghanistan und Indien in einfachen Verhältnissen gelebt und dort, wie er sagte, trotz der Gegebenheiten und Armut zufriedene Menschen vorgefunden. Sein Vortragstitel "What technology wants" ist der seines neuesten Buches und das ganze klang für mich auf den ersten Blick etwas esoterisch: Es geht um Verbindungen zwischen Evolution und Technologie. Das ganze klang für mich auf den ersten Blick etwas esoterisch, vor allem als er mit Systemtheorie kam, sollte sich aber als total interessant herausstellen.

Ausgangspunkt seiner Argumentationskette war, dass Evolution als Prozess zwar kein Ziel hat, wohl aber eine Richtung. Den Satz "Evolution führt zu mehr ... von Leben" kann man mit mehreren Ausdrücken vernünftig vervollständigen. Etwa mit Komplexität, Spezialisierung, Diversität oder Allgegenwärtigkeit. Leben beziehungsweise Evolution als Prozess führt zu Artenvielfalt, dem Ausfüllen jeder möglichen Nische, komplexen Sinnesorganen wie dem Auge, aber auch hochkomplexen Ökosystemen. Betrachtet man Leben als System, sieht es so aus, als ob Leben eben all diese Dinge will.

Nun kann man dasselbe mit dem Satz "Technologie will ..." spielen und stellt fest, dass die obigen Attribute ebenfalls auf Technologie zutreffen. Es gibt immer spezialiertere Werkzeuge, Technologie ist überall in unserem Leben, sie wird immer komplexer und erreicht immer mehr Bereiche. Und diese Prozesse sind in ähnlicherweise unabwendbar wie Evolution: Irgendwann ist es "Zeit" für eine neue Erfindung und dann kommt sie, als Beispiele nannte er die Glühbirne, die in verschiedenen Varianten in kurzer Zeit von mehreren Leuten erfunden wurde. Er nennt dieses Technologiesystem das Technium. Auf den ersten Blick klingt das etwas gruselig, in Wahrheit ist es aber eher eine positive Sicht auf Technologie: Die Weiterentwicklung von Technologie ist etwas zwangsläufiges in diesem Modell und während wir heute über irgendeine schlecht gemachte Software/Gerät/etc. meckern ist eine Lösung für diese Probleme nur eine Frage der Zeit.

Mir kommt das ganze sehr schlüssig vor: Die Benutzung von Werkzeugen ist ein wesentliches Merkmal unserer Spezies und so erscheint es logisch, wenn sich aus der biologischen Evolution hin zu dem was wir seit einiger Zeit sind, die Weiterentwicklung von Technologie als zwangsläufig ergibt.

Spielt man das ganze nochmal mit einem anderen Begriff, der uns als Spezies ausmacht, klappt das ganze nicht so gut: "Kultur will ..." ergibt keinen Sinn mit den obigen Begriffen. In dieser Hinsicht ist Technologie stärker als Kultur. Neue Erfindungen verändern und prägen Kultur, während Kultur umgekehrt nur die konkrete Ausprägung festlegt. Technologiefeindliche Kultur ist kein Erfolgs-, sondern ein Auslaufmodell.

Kann man daraus etwas lernen? Nicht wirklich viel. Allerdings sollte man sich bewusst machen, dass Technologie besser wird. Und dies bei langfristigen Planungen wo sinnvoll, einfliessen lassen.

P.S. Wers bis hier geschafft hat, beantworte doch bitte noch die Frage zur gewünschten Länge von Posts. Danke!
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