Samstag, 9. April 2011

Editor-Trends-Study der Wikimedia Foundation

Vor kurzem hat die Wikimedia Foundation einen Bericht zur Entwicklung der Anzahl der Mitarbeiter bei Wikipedia veröffentlicht, die Editor Trends Study, die im wesentlichen sagt, dass die Wikipedia-Projekte einer existenziellen Bedrohung ausgesetzt sind, weil immer weniger mitmachen. Dort findet man die Kurzform, wesentlich detaillierter ist das ganze hier, und ich empfehle allen für die das wichtig ist, es auch zu lesen. Ansonsten hat Witty Lama das ganze ebenfalls gut zusammengefasst. Wie groß das Problem ist, hatte Eugene Kim mir im Januar erklärt. Kurz gesagt: Entweder die Wikimedia Foundation oder Wikimedia Deutschland müssen jemanden einstellen, um sich dezidiert um dieses Problem zu kümmern, und zwar zügig, denn es ist ein schwieriges Problem, bei dem keine schnellen Lösungen zu erwarten sind. Und nun das ganze in lang.

Die wesentliche Grafik ist die folgende:

Mitarbeiterentwicklung auf der englischen Wikipedia über Zeit. Blau: Anzahl der aktiven Autoren, Rot: Anteil an Neulingen aus dem Zeitraum, die nach einem Jahr noch dabei sind. WMF, CC-by-SA.
Was man sieht ist, dass nach einer Phase starken Wachstums seit 2005 die Anzahl aktiver Autoren abnimmt, sowie dass der Anteil an Neulingen die nach einem Jahr noch dabei sind, abnimmt. Bei der Studie werden neue Mitarbeiter als solche gezählt, die innerhalb eines Monats mindestens zehn Bearbeitungen getätigt haben, aktiv ist man ab dann, wenn man mindestens fünf Bearbeitungen innerhalb eines Monats getätigt hat.

Aus der Analyse ziehen die Autoren fünf wesentliche Schlüsse, bei denen hervorzuheben ist, dass sie dieselben sind für alle großen Wikipedias:
  1. Die Wikipedia-Communities bestehen zunehmend aus Mitarbeitern, die schon lange dabei sind und weniger aus Neulingen. 
  2. Zwischen Mitte 2005 und 2007 ist die Rate mit der Neulinge dabeibleiben, dramatisch gesunken und ist seitdem auf niedrigem Niveau. 
  3. Dies kann nicht mit der Annahme erklärt werden, dass früher viel mehr Leute experimentiert oder vandaliert haben. 
  4. Über die letzten drei Jahre ist die Neulingsdabeibleibrate nicht weiter gesunken.
  5. Mitarbeiter, die schon mindestens drei Jahre dabei sind, bleiben mit einer Wahrscheinlichkeit von 75-80% ein weiteres Jahr.
Kurz gesagt stirbt die Wikipedia einen langsamen Tod. Diese Schlüsse gefallen mir, denn die Autoren ziehen nur Schlüsse aus ihren Daten, die diese garantiert hergeben. Aufgrund der Methode, sich ausschließlich auf die Anzahl an Benutzern zu beschränken, die innerhalb einer gewissen Zeitspanne so und so viele Edits getätigt haben, ist es nicht möglich Aussagen darüber zu treffen, was für Benutzer aufhören und warum. Sind es alte, junge, schlechte, gute, technikaffine, weibliche, mönnliche oder Benutzer mit anderen Attributen, die der Wikipedia vermehrt den Rücken kehren?

Ebensowenig ist unklar, warum ein Neuling erst gar nicht weitermacht. Klar ist nur aus anderen Studien, dass die Leute die dabei bleiben, bei gewissen Attributen eine homogene Gruppe bilden, sie sind nämlich zu über 90% männlich und stark überdurchschnittlich gut gebildet (siehe etwa die Ergebnisse von Manuel Merz). Ein Fehlschluss bietet sich hier an: Nur Neulinge die aus dieser Gruppe sind, bleiben dabei, Frauen und Hauptschüler werden vergrault. Das vergisst die Alternative: Schon unter den Neulingen sind nur Leute aus der genannten Gruppe und die Selektion findet bereits vorher statt, Frauen und Hauptschüler finden Wikipedia schon initial nicht attraktiv.

Allerdings sind die Daten der Editor-Trends-Studie geeignet ein paar Ursachen mit hoher Wahrscheinlichkeit auszuschliessen. Da das Phänomen auf allen großen Wikipedias beobachtet werden kann, ist es unwahrscheinlich, dass das Problem aus spezifischen Eigenheiten resultiert, die etwa der deutschen oder englischsprachigen Wikipedia inne sind. Zwar zeigen die Daten unterschiedliche quantitative Ausprägungen auf den verschiedenen Projekten, aber keine qualitativen. Etwa sind in der deutschsprachigen Wikipedia die Raten, mit der Neulinge dabeibleiben, höher als in anderen Wikipedias:
Anteil an Neulingen vom Januar 2009, die nach X Monaten noch dabei sind, WMF, CC-by-sa
Die absolute Zahl an Neulingen ist aber in der deutschsprachigen Wikipedia um einne Faktor zehn kleiner als in der englischen (1.000 gegenüber 10.000)!

Da die Problematik ferner seit etwa 2005 andauert, ist die Ursache nicht in Änderungen in der Projektorganisation, wie etwa dem Wechsel der Lizenz oder den gesichteten Versionen zu suchen.

Warum ist das ganze eigentlich existenziell bedrohlich? Zunächst droht langfristig der Tod des Projekts, da dann niemand mehr mitmacht. Nun könnte man sich auf den Standpunkt stellen, dass sich die Lage irgendwann von selbst stabilisieren würde. Das grosse Problem ist aber, dass schon jetzt nicht weniger, sondern mehr Leute notwendig sind, um das Projekt über die nächsten zehn Jahre zu dem zu machen, was es sein könnte. Im Bereich Mathematik sind es in der deutschsprachigen Wikipedia etwa zehn regelmässige Mitarbeiter für einen Artikelbestand von etwa 8.000 Artikeln, insgesamt sind es 1000 sehr aktive Benutzer. Zu wenig für den derzeitigen Artikelbestand von 1 Millionen, viel zu wenig für einen Artikelbestand von 2 Millionen. Das ist übrigens auch ein Problem für die Neutralität, arbeitet doch schon jetzt kein repräsentativer Schnitt der Bevölkerung mit, verschiedene Themen sind alleine dadurch einem starken Bias ausgesetzt. So könnte man aufgrund der Wikipedia auf die Idee kommen, dass Geschichte eine Abfolge von Schlachten und Herrschern ist. Der Zufluss von Autorinnen und Autoren mit frischen Ideen und Kenntnissen in bisher vernachlässigten Themenbereichen ist nichts anderes als notwendig.

Und damit wären wir auch beim schwierigsten Teil, der Lösung. Zunächst ist es unklar, wie eine Lösung aussieht, weil die Ursache unklar ist. Ich habe verschiedene Ideen, woran es liegen könnte und bin mir ziemlich sicher, dass die Begriffe Usability und Betriebsklima bei der Ursache eine Rolle spielen. Die viel grössere Schwierigkeit ist aber, dass es garantiert keine einfachen Lösungen gibt. Insbesondere fehlen allen Projekten Plattformen, auf denen die Mitarbeiter gemeinsam an solchen arbeiten können. Weder das Wiki, noch die Mailingliste haben sich hierfür etabliert, ebensowenig sind Stammtische dafür geeignet. Verschärfend kommt hierbei dazu, dass die Aufmerksamkeitsspanne von Wikipedianern aus verschiedenen Gruenden sehr begrenzt ist. Auf der Mailingliste der deutschsprachigen Wikipedia gab es gar keine Diskussion, die auf der des deutschen Vereins ist nach 10 Tagen eingeschlafen, die auf der Seite des Community-Blattes Kurier nach 7.

Eine Methode die helfen würde, wurde bisher von der Wikimedia Foundation viel zu wenig beachtet, nämlich das Messen der Auswirkungen von Veränderungen auf die Aktivität und die Art der Aktivität. Es gibt also keinen Prozess, bei dem einzelne Elemente des Layouts oder der Benutzerführung geändert werden, der Effekt gemessen und dann die nächste Änderung betrachtet wird! Dasselbe gilt für Policy-Änderungen auf den Projekten, deren Effekte keinerlei Feedback-Loop unterliegen.

Die bisherigen Erfahrungen bei Projekten dieser Schwierigkeit (Lizenzwechsel, gesichtete Versionen, etc.) zeigen, dass es einen langen Atem braucht, eine dezidierte Person die sich des Problems annimmt und die Ressourcen hat, die notwendigen Änderungen Softwaremässig durchzusetzen und insbesondere, dass die Community durch Diskussionen, Feedback und Überzeugungsarbeit so eingebunden wird, dass sie auf die Änderungen nicht mit Ablehnung reagiert, weil die von außen aufoktroiert werden, sondern sich die Lösung zu Eigen macht. Anders geht es nicht. In diesem Fall wären denke ich ein bis zwei Jahre erforderlich, mit Erforschung der Ursachen, Entwicklung von Strategien für die Beseitigung der Probleme, Implementierung dieser Strategien in der MediaWiki-Software und der Community.

Es gibt nun genau zwei Organisationen die in der Lage wären, ein derartiges Projekt zu stemmen: Wikimedia Deutschland e.V. und die Wikimedia Foundation. Wer beißt an?

Und zum Schluss:
  • Interessanter Artikel zu den Gefahren der Kernkraft aus dem Blickwinkel eines Nichtdeutschen, entsprechend ohne die peinliche Hysterie: Die wahre Gefahr.
  • Ich bin nun stolzer Besitzer von Rollkoffern mit vier Rollen. Macht doppelt so viel Lärm wie Rollkoffer mit zwei Rollen, ist aber geil. Die nächste Stufe des Reisens hat Mrs Pool erreicht: Vorhang auf! (Danke an Pavel)
  • Kann mich im dritten Anlauf irgendwie doch für Dr. MacNinja begeistern. 
Creative Commons Lizenzvertrag
Birchlog von P. Birken steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
Beruht auf einem Inhalt unter birchlog.blogspot.com.