Donnerstag, 31. März 2011

Kein Grund zur Häme

So, wieder in Deutschland. Zum Glück war die Umstellung auf Sommerzeit in den USA schon vor zwei Wochen, deswegen nur acht Stunden Jetlag. Heute also wie angekündigt etwas über High Schools. Jeder kennt wohl mehrere Highschool-Filme oder Serien und weiß bestens Bescheid? Vielleicht auch nicht, denn ich glaube es gibt keinen Grund zur Häme. Und nun, ohne eine Gerd-Delling-Gedächtnis-Überleitung ein kleiner Sprung.

Die Gewerkschaften in den USA sind im großen und ganzen nicht besonders stark und die Arbeitnehmerrechte nicht besonders ausgeprägt. Mit einer wichtigen Ausnahme, und zwar dem öffentlichen Dienst, insbesondere den Lehrern. Die US-Bundesstaaten, von der Finanzkrise darauf gestossen, dass sie seit Jahrzehnten Schulden machen, müssen sparen und insbesondere die republikanischen Gouverneure haben entdeckt, dass man mal die Lehrer angehen müsste. Diese bieten erstaunlicherweise ein leichtes Feindbild: Weil die normalen Arbeitnehmer keine Rechte mehr haben, wirken Lehrer, die das haben, was man in Europa als normale Arbeitnehmerrechte ansehen würde, wie die totalen Schmarotzer mit archaischen Privilegien.

Chris Christie; Dampfwalze gegen
die Lehrergewerkschaft;
Nightscream, CC-by-sa
Scott Walker, Mutterns liebster Schwiegersohn
gegen die Lehrergewerkschaft;
Megan McCormick, CC-by-sa
Spannendstes Beispiel ist neben Governor Christie in New Jersey insbesondere der neue Gouverneur von Wisconsin und selbstverständlich Tea-Party-Held, Scott Walker. Dieser nett und vertrauenswürdig aussehende Mann hat ebenfalls ein Haushaltsproblem und um es anzugehen, verlangte er von den Lehrern und anderen Mitarbeitern im öffentlichen Dienst massive Zugeständnisse, sowie dass die Lehrergewerkschaft ihr Recht, Tarifverhandlungen zu führen, verlöre. Nanu? Eine Gewerkschaft, ohne das Recht, Tarifverhandlungen zu führen? Jenun sagt er: Wie soll ich denn je die Kürzungen durchkriegen, wenn ich mit den Gewerkschaften verhandeln soll? Klingt plausibel, nur gab die Gewerkschaft nach. Gut für sein Budget, schlecht für sein eigentliches Anliegen. Also sagt er: Ihr könnt ja machen was ihr wollt, aber in jedem Fall sollen Gewerkschaften nicht mehr das Recht haben, Tarifverhandlungen zu führen, denn schließlich will ich das so.

Was nun folgt, ist absolut haarsträubend. Während im und vor dem Parlamentsgebäude zehntausende tagelang gegen Walker demonstrieren, will er abstimmen lassen. Die Opposition verlässt aber geschlossen den Staat! Damit hat er kein Quorum mehr im Parlament und kann über das Gesetz nicht abstimmen lassen. Die Republikaner jammern, das sei alles verfassungswiedrig. Die geflohenen Demokraten höhnen, dass der grosse republikanische Held Abraham Lincoln einmal, um eine Abstimmung zu verhindern, aus dem Fenster gesprungen sei. Das Restparlament beauftragt dann die Polizei, die flüchtigen Senatoren einfangen zu lassenn. Das geht aber nicht, weil die Polizei von Wisconsin in den Nachbarstaaten keine Rechte hat.

Walker und seine Komparsen, zwischendurch von einem Blogger über einen fingierten Telephonanruf ziemlich peinlich bloßgestellt, finden aber eine Lücke in der Verfassung und stimmen ohne die Demokraten ab. Diese kehren daraufhin zurück, nun als Wisconsin 14 gefeiert. Und klagen erstmal gegen das neue Gesetz. Stand: Einstweilige Verfügung erwirkt, ansonsten schwebend.

Wie ist das denn nun mit den Schulen? Ist das amerikanische Schulsystem schlecht und ungerecht, wie viele hierzulande meinen? Klar dachte ich mir, das Blogposting wird zügig gehen. Nur zeigten die Recherchen ein wesentlich differenzierteres Bild, was weniger daran liegt, dass die USA ein Bildungsparadies wären, sondern wie schlecht die Situation in Deutschland ist und es überhaupt keinen Grund gibt, auf die USA runterzuschauen. Interessantes Blog: Was ist der deutsche Traum? von der Friedrich-Böll-Stiftung.

Schaut man sich die letzte PISA-Studie an, so stellt man erstmal fest, dass die USA nicht gut abgeschnitten haben, konkret knapp hinter Deutschland. Das heißt aber erstmal nur, dass das Schulsystem insgesamt nicht gut ist und sagt nichts über Ungerechtigkeit aus. Es ist nun ziemlich schwierig, Ungerechtigkeit festzumachen und selbst wenn man sich beispielsweise auf wirtschaftliche Faktoren festlegt, ist die Frage inwieweit das Bildungssystem dafür verantwortlich ist. Festhalten lässt sich aber, dass die Kluft zwischen arm und reich in den USA größer ist als in Deutschland, die Kluft in Deutschland aber rasant steigt.

Bei der Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte ergibt sich ein etwas differenziertes Bild. Während die amerikanische Gesellschaft insgesamt entgegen des Mythos vom American Dream wenig durchlässig für Aufstieg ist und zwar auch deutlich weniger als die deutsche, ist der Umgang mit Einwanderern in den USA gelungener: sozialer Aufstieg hängt weniger vom Migrationshintergrund ab als in Deutschland. Muslimische Einwanderer sind dort beispielsweise eher in Mittel- und Oberschicht anzutreffen. Sprich: Von Bildungsgerechtigkeit kann man in den USA nicht sprechen, wer arm ist, bleibt arm, aber das unabhängig von der Herkunft.

Es bleibt, dass die Situation des Schulsystems in den USA bedrohlich ist, zumindest für die Amerikaner. Einen PISA-Schock hat es dort nicht gegeben, die Studie wurde nicht breit diskutiert, obwohl das Land wie gesagt noch schlechter abgeschnitten hat als Deutschland. Großes Problem sind in meinen Augen nicht die Unis, sondern die High Schools, die schon dafür sorgen, dass viele nie eine gute Bildung erhalten. Die Finanzierung der High Schools basiert dabei auf drei Säulen, wie hier der Bundes- und Landesregierung und auf dem County bzw. der Stadt. Der Bund liefert dabei unter 10% der Finanzierung. George W. Bush hatte die gute Idee, das Monitoring der Schulen zu verbessern, es wird also Bildungserfolg der Schüler nach Schule gemessen. Gleichzeitig hat er im No Child Left Behind Act dafür gesorgt, dass zum einen schlechte Schulen weniger Geld vom Bund kriegen, damit sie noch schlechter werden und ferner Eltern in manchen Fällen Ansprich auf Bildungsgutscheine erhalten, damit sie ihre Kinder auf Privatschulen schicken können.

Das ist nicht gut, aber aufgrund der relativ geringen Beteiligung des Bundes an der Finanzierung der Schulen zu verschmerzen. Dramatischer ist die Situation der Bundesstaaten wie oben angedeutet: Lehrer verdienen im Schnitt etwas über 50.000$. Das ist kein Premiumgehalt, aber anstatt das zu erhöhen, wollen viele republikanische Gouverneure das noch senken...

Am kritischsten ist allerdings der letzte Punkte, die Finanzierung über die Counties bzw. Städte. Diese geschieht nämlich fast ausschließlich über Grundsteuern, die sich nach dem Wert eines Grundstücks bemisst. Anders ausgesagt: Eine Stadt wie Palo Alto mit einem Immobilienboom der durch Nachfrage und ein Durchschnittseinkommen von gruseligen 100.000$ gesteuert wird, kann schon mit geringen Grundsteuersätzen riesige Summen auftreiben. Eine Stadt wie Oakland, in der nur arme Leute wohnen die 2 Stunden nach San Francisco pendeln, kann auch mit hohen Grundsteuern keine riesigen Summen auftreiben. Und da entscheidet sich das eigentliche: Arme Gegenden haben schlechte Schulen, reiche Gegenden haben gute Schulen.

On another note:
      Creative Commons Lizenzvertrag
      Birchlog von P. Birken steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.
      Beruht auf einem Inhalt unter birchlog.blogspot.com.