Montag, 13. Juni 2011

Gunter Dueck: Aufbrechen!

 Auf der diesjährigen re:publica gab es einen Vortrag von Gunter Dueck, auf den mich einige aufmerksam gemacht haben. Das ganze wurde ins Internet gestellt und ich ertappte mich dabei, gebannt dem 45-minütigen Vortrag zu folgen. Nun habe ich sein Buch "Aufbrechen! Warum wir eine Exzellenzgesellschaft werden müssen" gelesen und möchte es an dieser Stelle zum einen wärmstens weiter empfehlen und zum anderen zusammenfassen.

Das Buch lässt sich gut lesen, ist 200 Seiten dick und er untermauert seine Punkte durch leicht verständliche Beispiele, so ein bisschen Volkswirtschaft und Management für Dummies. Die Grundpunkte und ihre Konsequenzen werden sehr weit gedacht, und zwar in überzeugender Weise. Der einfache Stil hat natürlich auch einen Nachteil, und zwar dass er im Wesentlichen darauf verzichtet, seine Punkte durch wissenschaftliche Studien zu untermauern.

Sein Grundthema ist sozusagen die Zukunft und was die deutsche Gesellschaft seiner Meinung nach tun sollte, um in dieser Zukunft zu bestehen. Wer "Die Welt ist flach" von Thomas Friedman kennt, dem werden diverse Punkte vertraut sein. Konkreter geht es ihm um die stattfindende Industrialisierung der Dienstleistung, die insbesondere eine Konsequenz des Internets ist, und welche Folgen das für Wirtschaft und Gesellschaft hat.

Das Internet führt zu einer massiven Vereinfachung von Verwaltungsabläufen (Beispiel: Onlinebanking, elektronische Steuererklärung), aber auch dazu, dass Recherchen einfacher werden (Wikipedia, Google, etc.) und damit viele Dienstleistungen überflüssig werden. Einfache Dienstleistungen werden also entweder vom Kunden selber erledigt (Eintippen der Überweisung, Flugbuchung nicht mehr im Reisebüro, etc.) oder in den Niedriglohnsektor verschoben.  Gleichzeitig zeigen die Erfahrungen aus dem Solartechnologiebereich, wo der deutsche Markt massiv durch chinesische Firmen unter Druck gesetzt wird, dass High-Tech-Billigproduktion kein tragfähiges Zukunftskonzept für Deutschland ist. Die Quizfrage ist nun, wie man damit umgeht.

Nicht nur diese Kollegen müssten sich heute einen neuen Job suchen
Seine Antwort ist, dass Deutschland sich dem Premiumsegment der Dienstleistungsgesellschaft verschreiben muss. Und zwar eröffnet das Internet neben dem enormen Druck auf einfache Dienstleistungen eine riesige Zahl an neuen Möglichkeiten für neue Angebote: Videotelephonie ermöglicht Telemedizin, "intelligente Systeme" bei der Energieerzeugung, neue Unterhaltungssachen, wie echte 3-D-Spiele oder die Live-Übertragung von Konzerten oder Sportevents ins Wohnzimmer. Dazu gehört auch der Aufbau von intelligenter Infrastruktur, von Ausbildungssoftware, aber auch der Umbau von Wohnungen, um eine Videowand zu installieren oder der Ausbau des Internets. Deutschland soll der Ort werden, von dem aus diese ganzen Dinge entwickelt und an die ganze Welt verkauft werden.

All dies erfordert aber einen Umbau des Bildungssystems und wie er meint, sogar einen Wechsel des Menschenbildes, aber dazu später mehr. Zunächst ist es einleuchtend, dass wenn Deutschland kein Niedriglohnland werden soll, dass dann für die oben genannten Sachen gut ausgebildete Leute gebraucht werden. Konkret fordert er: "Alle sollen studieren!"

Bevor ich dazu inhaltlich etwas schreibe, also warum das sinnvoll sein soll, ein paar andere Gedanken. Bei den meisten Leuten dürfte der erste Gedanke ja sein: "Das geht nur, wenn das Niveau gesenkt wird." Er setzt noch einen drauf und behauptet, dass die meisten Leute mit Abitur unterbewusst denken: "Das würde ja bedeuten, dass mein Abitur und damit mein sozialer Status abgewertet werden würde. Deswegen will ich das nicht." Nicht ganz von der Hand zu weisen. Nun denn, warum meint er, dass das geht? Weil zum Einen die Bildung in der Bevölkerung höher ist als vor 20 Jahren noch. Dass mehr Leute Abitur machen als früher muss also nicht zwangsläufig mit einer Senkung des Niveaus einhergehen. Wer Abitur hat, dessen Kinder machen auch Abitur. Die Frage ist also, wie man die restlichen Leute zum Abitur bringt. Nun ja, zum Einen ist es erforderlich, Begeisterung zu wecken (einfach gesagt, trotzdem ein wichtiger Punkt). Aber: Bessere Pädagogen auf allen Ebenen von Kindergarten bis Uni könnten da viel bewirken.

Dazu kommt, dass neue Medien neue Lerntechniken erlauben. Er behauptet, dass es unterschiedliche Lerntypen gibt. Heute würde also für die meisten das Lesen ein wesentliches Element des Lernens sein. Dies wäre aber eine Frage der Technik und nicht naturgegeben. An diesem Punkt bin ich etwas skeptisch, ich selbst kann mir neue Dinge am Besten durch Lesen aneignen, aber das kann natürlich der Effekt von 30-jähriger Übung sein. Hier hätte ich mir etwas mehr Untermauerung gewünscht, wie ich auch insgesamt seine scharfe Kritik an Lehrern nicht ganz nachvollziehen kann. Die neue Generation, die in den letzten 10 Jahren eingestellt wurde, ist schon ganz anders als die Generation aus den 70ern. Ach ja, er scheint Commons nicht zu kennen, auf jedenfall fordert er die Einrichtung eines solchen Portals und die Bestückung dessen mit Lehrvideos zu jedem beliebigen Thema, und zwar den Besten die es gibt.

Sei es wie es sei, hat er einige sehr gute Argumente für die Notwendigkeit: Denn damit, dass die heutigen Deutschen eine höhere Bildung haben als früher, steigen auch die Ansprüche. Im Kindergarten wird erwartet, dass die Kinder schon etwas lernen, vielleicht sogar mit Fremdsprachen in Berührung kommen. Ein Fachhochschulstudium wäre dem viel angemessener. Alle Studien zu Lehrern zeigen, dass zwischen dem Ausbildungsgrad des Lehrers und dem Lernerfolg der Kinder eine sehr hohe Korrelation herrscht. Konsequenterweise sollten also Grundschullehrer nicht nur eine dreijährige Ausbildung, sondern eine vier bis fünf-jährige Ausbildung machen. Bei der Bank sterben die einfachen Dienstleistungen aus. Was man braucht, sind Mathematiker, Volkswirte und Betriebswissenschaftler.

Der nächste wichtige Punkt ist, dass es mit besserer Ausbildung alleine noch nicht getan ist. Dazu kommt, dass die "neue Welt" Leute erfordert, die multikompetent sind, wie er das nennt. Wer also in der IT arbeitet, muss nicht nur fachlich kompetent sein, sondern sie muss auch ein Grundverständnis davon haben, was die Kunden wollen und darüber mit anderen Abteilungen kommunizieren können. Jeder muss in der Lage sein, sich selbst zu motivieren, etwas neues zu lernen. Dazu nennt er den Punkt der "negativen Arbeit". Wer einfache Dienstleistungen schlecht verrichtet, etwa langsam oder fehlerhaft, der sorgt im schlimmsten Fall dafür, dass genau diese Dienstleistung nochmal gemacht werden muss. Der Schaden ist also im schlimmsten Fall dass die Arbeit genau dieser Person nichts wert ist. Passiert dies aber auf einer höheren Ebene, kann schlecht verrichtete Arbeit dazu führen, dass Kunden und Aufträge verloren gehen, dass ganze Produkte neu designt werden müssen, etc. Der maximale Schaden ist also wesentlich höher, als nur die Arbeit dieser Person.

Gefordert sind also Leute, die fachlich, sozial, sprachlich, interkulturell, analytisch kompetent sind, die kreativ sind, schnell lernen, andere führen können, etc. Diese Dinge klingen viel, sind aber wenn man mal drüber nachdenkt, eigentlich Selbstverständlichkeiten. Die Grundfrage die er dahinter sieht ist: Was für ein Menschenbild haben wir und zu was für Menschen erziehen und bilden wir Leute aus?

Brauchen wir Leute die tun was ihnen gesagt wird, von 9-17 diese Dinge erledigen, sich für sonst nichts interessieren und dann nach Hause gehen? Oder selbstständige Menschen, die sich selbst weiterentwickeln wollen, die der Gemeinschaft helfen wollen? Nun ja, seine Antwort ist klar, letzteres.

Schließlich setzt er sich noch mit der Frage auseinander, was der Staat tun muss, um diese neue Gesellschaft zu ermöglichen. Sein wesentlicher Punkt ist, dass der Staat Infrastruktur bereitstellen muss. Will ich von überall nach überall Videotelephonie, muss die Bandbreite stimmen. Will ich eine wirklich florierende Internetwirtschaft, brauche ich ein Micropayment-System, aber auch eine digitale Identität, damit man sich nicht mehr bei jedem einzelnen Dienst neu anmelden muss, mit all der Gefahr von Passwortklau etc. Beides sind aber Dinge, wo seiner Meinung nach der Staat gefordert ist, entweder weil der Ausbau von Internet außerhalb von Ballungszentren unwirtschaftlich ist oder die Marktteilnehmer von alleine nicht in der Lage sind, sich auf einen Standard zu einigen.

Und an diesem Punkt hat er mich fast zum Weinen gebracht. Die bisherigen Punkte fand ich extrem spannend, teilweise hatte ich sie schon an anderen Stellen gehört, aber er brachte jetzt ein Beispiel. Und zwar hat es in Deutschland Zeit meines Lebens in meinen Augen eigentlich nur zwei zukunftsweisende innenpolitische Weichenstellungen gegeben (außenpolitische wie die Wiedervereinigung oder den Euro mal rausgenommen), nämlich die Agenda 2010 und den Atomausstieg und ansonsten nur armseliges Klein-Klein mit Blick auf die nächste Wiederwahl passiert, gepaart mit Duckmäusersystemen in vielen Partien, die durch unlimitierte Wiederwählbarkeit begünstigt werden. Vom Internet und den Herausforderungen der Zukunft scheinen viel zu wenige Bundestagsabgeordnete überhaupt etwas zu verstehen. Wie also soll das in Deutschland funktionieren, die Gesellschaft für diese Zukunft fit zu machen?

Nun: anderswo geht es. Im Westen sind Politiker Anwälte und ähnliches. In China und ähnlichen Ländern sind die Macher Technokraten. Und jetzt kommt das Beispiel: In Singapur wurde 2005 ein Plan verabschiedet, wo das Land 2015 in Bezug auf das Internet sein will und warum, siehe hier und hier. Da tauchen Wort auf wie 1Gbit Bandbreite für jeden, iPv6-Verträglichkeit und, man höre und staune, dass man das tun wolle, nicht nur um die Wirtschaft fit zu machen, sondern, ich zitiere
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Es geht also darum, Leute die nicht IT-affin sind, die wenig Geld haben, die alt sind oder aufgrund von Behinderungen Probleme bei der Internetnutzung haben, an der neuen digitalen Gesellschaft teilhaben zu lassen, um "ihr Leben zu bereichern".

So etwas will ich auch. Sein Lösungsvorschlag: Eine neue Partei. Ich bin gespannt.

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