Sonntag, 6. Februar 2011

Von den USA nichts lernen heißt, die eigenen Unis zu verhunzen

Mein Team hat den Superbowl gewonnen (zwei Minuten nach Anpfiff habe ich mich auf die Green Bay Packers in den grünen Trickots festgelegt, was sonst) und es ist warm in Kalifornien, vor dem Ingenieursgebäude sonnen sich Studentinnen (können nicht meine sein, wenn die so viel Muße haben). Zeit sich wieder ernsteren Themen zuzuwenden. Und ich dachte mir, ich werfe mal einen Blick auf das amerikanische Bildungssystem. Wie leider weniger Leute wissen, als der Bedeutung des Umstandes angemessen wäre, sind deutsche Universitäten derzeit und in den letzten zehn Jahren einem Umbruch unterworfen, der in seinem Umfang historisch wenige Vergleiche kennt. Bachelor/Master- ersetzen die alten Diplomstudiengänge. Die Besoldung der Professoren wurde auf die leistungsbezogenen W-Professuren umgestellt. Die Exzellenzinitiative zielt darauf ab, eine Trennung in Lehr- und Forschungsuniversitäten einzuführen.

Vorbild vieler dieser Reformschritte sind immer wieder die USA. Grund ist, dass jedes internationale Hochschulranking (Beispiel) immer wieder dasselbe zeigt: Die USA haben die besten Unis. Cambridge und Oxford melden sich ab und an in den TOP 10, im wesentlichen aber dominieren amerikanische (Privat-)Unis die TOP 50. Alle meine Erfahrungen bestätigen das: Forscher aus der Weltspitze gibt es auch in Deutschland oder Tschechien, und zwar nicht wenige. Aber eine Konzentration wie in den USA wird über mehrere Fachbereiche hinweg nirgendswo erreicht.

Entsprechend findet sich zu allen Reformvorhaben ein Vorbild in den USA. Bachelor/Master ist hier eben das, die Juniorprofessur ist der Assistant Professor, die leistungsbezogene Mittelvergabe an Professoren gibt es auch und die Exzellenzinitiative soll Eliteunis erzeugen. Reine Forschungsunis gibts hier zwar nicht, aber Lehrunis, das sind die Football-Klitschen in Kansas City und anderen Metropolen von denen noch nie jemand gehört hat. 

Also alles Topcheckerbunnies, die deutschen Bildungspolitiker? Mich persönlich hat das ja schon immer gewundert, dass ich auch nach fünfzehn Jahren an verschiedensten Unis verschiedener Länder immer noch nicht mühelos erkennen kann, ob ein anderer Mathematiker gute Forschung macht. Für Bildungspolitiker kein Problem. Die sind eben einfach gut.

Schauen wir uns also mal die USA an. Zunächst einmal gibt es die Undergraduate Studies, das ist alles bis zum ersten Abschluss, dem Bachelor. Die lasse ich jetzt mal weg und konzentriere mich auf die weiteren Teile, die graduate Studies. Nach dem Bachelor machen die Leute weiter, die eine forschungsorientierte Ausbildung suchen, typischerweise den PhD, also den amerikanischen Doktor. Der Masterabschluss fällt dabei zwischendrin ab und ist eher so etwas wie ein Notausgang. Die internationale Reputation der Unis wird im wesentlichen aus diesen Programmen generiert. Die Teilnehmer bewerben sich dort, weil der Ruf gut ist, die Uni sucht sich die besten aus, wer zahlen kann, zahlt gutes Geld, wer nicht, wird versorgt. Sie werden dann von Topleuten an die Forschung herangeführt, machen die Forschung, die sich dann im Ranking niederschlängt und so weiter.

Als ich einen HiWi für meine Vorlesung suchte, bewarben sich drei Leute. Ein Chinese, ein Inder und ein Iraner. Die Professoren mit denen ich hier viel Kontakt habe kommen aus England, Neuseeland und den Niederlanden. Jahuch? Keine Amerikaner? Nein, auf dem Campus sieht man grob ein Dritter Chinesen, ein Drittel Inder, ein Drittel Rest. Unter diesem Rest sind vor allem Amerikaner, aber ansonsten ein bunte Mischung (viele Deutsche übrigens, aus den Zeiten von vor Bachelor/Master). Sprich: Die wohlhabenden Eltern von Kindern aus aller Welt finanzieren diesen die Ausbildung an einer amerikanischen Eliteuni, wo sie dann von Professoren aus aller Herren Länder ausgebildet werden. Sicher liegt das auch daran, dass Stanford ein Mekka der Ingenieurswissenschaften ist und derartige Berufe in Schwellenländern sehr gut angesehen sind. Wesentlich anders sieht es aber in Harvard oder Yale nicht aus. Sprich: Der berechtigte exzellente Ruf amerikanischer Unis wäre ohne Ausländer nicht exzellent.

Was sind denn nun eigentlich die Faktoren, die eine amerikanische Eliteuni so erfolgreich machen? Es fängt mit dem Ruf an. Der gute Ruf zieht gute Studenten an. Mit guten Studenten kann man gute Forschung machen. Am Besten trifft man eine Auswahl, welche Studenten man zulässt, dann muss man sich nicht mit den schlechten Studis rumschlagen. Das alles verbessert den Ruf. Damit man diesen Kreislauf aufrecht erhalten kann, braucht man gute Professoren. Wie kriegt man die? Richtig, mit gutem Ruf, aber vor allem mit Geld. Das bedeutet: gutes Gehalt, gute Arbeitsbedingungen, wenig Bürokratiemist. Gute Arbeitsbedingungen bedeutet ein großes Bibliotheksbudget, Reisemittel, Labore, etc. Also: Viel Geld.

Vergleicht man das mit Deutschland, muss man aufpassen, was man vergleicht. Die Uni Kassel ist nämlich besser als jede Football-Klitsche hier, aber eben schlechter als jede Elite-Uni. Im Vergleich zu diesen stellt man fest, dass der Ruf deutscher Universitäten nicht schlecht ist. Nur, die Unis sind nicht international aufgestellt, genauso wenig wie sich die Ausländerämter als Orte begreifen, bei denen es darum geht, die Zuwanderung dringend benötigter kluger Köpfe aus dem Ausland nach Deutschland zu regeln. Inder, Chinesen an deutschen Unis? Eine winzige Minderheit. Kampf um die besten Talente der Welt? Ja neh, ist klar.

Wie siehts mit dem Geld aus? Yale, arg gebeutelt von der Finanzkrise, muss sein Budget für 2011 um 150 Millionen Dollar kürzen. Aber von welchem Niveau? In den letzten zehn Jahren haben sie etwa 3 Milliarden Dollar in Infrastruktur investiert. Das Jahresbudget selber bewegt sich etwas darunter. Kassel als mittelgroße Uni hat ein Budget von deutlich unter 200 Millionen Euro. Yale kürzt also derzeit mal eben die Uni Kassel weg. Die deutschen Unis sind kaputt gespart, Dauerstellen im Mittelbau gibt es quasi nicht mehr. Die Gehälter deutscher Professoren sind im Vergleich geringer. Deutsche Professoren müssen einen Großteil der Verwaltung selbst machen. Sekretärinnen müssen, um hilfreich zu sein, komplexe Büroabläufe koordinieren. In Deutschland werden sie bezahlt, als ob Schreibmaschinen tippen die einzig notwendig Qualifikation sei und sind entsprechend nur im Glücksfall gut. An einer US-Eliteuni ....

Also schauen wir uns mal an, welche dieser Unterschiede durch die USA-orientierten Reformen angegangen wurden. Die starke internationale Marke Diplom wurde abgeschafft und durch Titel ersetzt, die nirgendwo irgendwen vom Hocker hauen. Das lockt sicher mehr kluge Köpfe nach Deutschland. Die neue leistungsbezogene W-Besoldung für Professoren ist faktisch die einzige mir bekannte Gehaltskürzung im öffentlichen Dienst mit einem Grundgehalt unterhalb das Niveaus von Gymnasiallehrern. Das wird sicher dafür sorgen, dass mehr kompetente Leute diesen Beruf ergreifen wollen. Die Juniorprofessur ist hier in der Regel ohne Tenur Track, also ohne Aussicht auf Dauerstelle, was die guten Leute in den USA mit einem müden Lächeln ablehnen. Die Exzellenzinitiative. Die interessierten Unis wurden für die Jagd nach etwa 100 Millionen (Peanuts in Yale) für ein paar Monate lahm gelegt, und zwar mit, genau, Bürokratie.

Mit falschen Rezepten wird hier also in meinen Augen massiver Schaden angerichtet. Das ist nun einfach gesagt, denn das wesentliche Element der Lösung, nämlich das Geld, liegt ja nicht auf der Straße. Es wäre aber zum einen möglich gewesen, die Situation nicht zu verschlimmern, wie etwa durch die W-Besoldung oder Bachelor/Master. Zum anderen ist eine Reform des Ausländerrecht auch so möglich. Und schließlich ist es ja nicht so, dass es neben dicken Brocken wie der Föderalismusreform keine Rezepte gäbe, die finanzielle Situation der Hochschulen zu verbessern. Warum nicht das Alumniwesen in Deutschland unterstützen und es einfacher machen, einer deutschen Universität etwas zurückzugeben?

Nun denn, genug gejammert, zur Belohnung für bis hier durchhalten ein paar Schnipsel:

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